Der Fuchsbandwurm – und das Ende dieses Blogs

Ich habe einen schmalen Band mit philosophischen und politischen Essays veröffentlicht.

Titel: Der Fuchsbandwurm – und andere philosophische Betrachtungen.

Das Buch ist im Handel erhältlich und versammelt ausgewählte Texte, die ich seit 2007 verfasst habe, darunter einige, die bereits hier im Blog erschienen sind.

Aus dem Klappentext:

Lässt sich natürliches Leid mit der Idee eines gerechten Schöpfers vereinbaren?

Der zentrale Essay dieses Bandes nimmt einen kaum sichtbaren Parasiten zum Ausgangspunkt ebendieser Frage. Von dort aus weitet sich der Blick: Die Texte behandeln Themen wie Willensfreiheit und Determinismus, Wahrheit und Norm, die Krise der Wissenskultur, Moral und technische Entgrenzung sowie Europas gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Diese Publikation markiert zugleich das Ende dieses Blogs. In Zeiten KI-generierter Inhalte habe ich die Motivation verloren, der Flut geglätteter Texte noch eigene Ecken und Kanten entgegenzusetzen. Die neuen Möglichkeiten wirken auch auf mich verführerisch, so dass man sich fragen darf, ob ich diesen Abschied selbst geschrieben habe oder bloß ein Prompt verwaltet wurde. Wenn das Echo lauter ist als die Stimme, ist es Zeit zu gehen.

Titelseite von „Der Fuchsbandwurm“

Cover: Der Fuchsbandwurm – und andere philosophische Betrachtungen

Moral und Distanz

Der folgende Text ist meinem Roman Die Außerstandsetzung entnommen. Er bildet dort das Schlusskapitel eines technikkritischen Manifests, das den Titel In feindlicher Koexistenz trägt.

To those who think that all this sounds like science fiction, we point out that yesterday’s science fiction is today’s fact.[1]

Angenommen es existierte ein Computersystem, mit dem sich jede Schutzmaßnahme umgehen ließe, ein System, das in jeden Account, jedes Smartphone und jeden adressierbaren PC eindringen könnte – und zwar ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen. Nehmen wir weiterhin an, man selbst hätte die privilegierte Möglichkeit, dieses Instrument zu nutzen. Die Versuchung, sich informelle Vorteile zu verschaffen, wäre sicherlich groß. Welche Grenzen würde man sich auferlegen? Würde man bloß Personen ausspähen, die man nicht kennt, nicht mag oder „die es verdienen“? Oder würde man auch Partner und Freunde kontrollieren, wenn ein Anlass da wäre?

Ein solches Szenario zielt natürlich auf die Frage ab, ob wir moralische Regelsätze auch dann befolgen, wenn wir wissen, dass unser Tun nicht sanktioniert wird. Ich bin in dieser Frage Pessimist. Ich denke, dass auch diejenigen, die meinen, hohe moralische Standards zu haben, nicht vor solchen Versuchungen gefeit wären. Es würde vermutlich klein anfangen und sich steigern, sobald das Gehirn gelernt hätte, dass negative Konsequenzen ausbleiben.

Im nicht-digitalen Miteinander gibt es zum Glück natürliche Schranken; Mechanismen, die evolutionär gewachsen sind und das Zusammenleben in kleinen Gruppen sicherstellen: Bspw. können nur trainierte oder pathologisch veranlagte Menschen einem Wehrlosen eigenhändig physische Gewalt zufügen, ohne dabei Reue, Widerwillen oder Mitgefühl zu empfinden. Wird Gewalt aber nicht mehr von Angesicht zu Angesicht ausgeübt, versagen die nativen Schutzmechanismen. Das zeigt sich am deutlichsten in der modernen Kriegsführung (Töten per Knopfdruck). Darüber hinaus hat sich in den Milgram-Experimenten offenbart, dass selbst untrainierte Zivilisten zu schwerer Folter fähig sind, wenn Befehlston und räumliche Distanz zusammenkommen.[2]

Das Internet ist erst wenige Dekaden alt. Trotzdem verbringen wir einen Großteil unserer Zeit im Netz. Eingedenk des oben Gesagten ist es nicht verwunderlich, dass der Ton in den sozialen Medien oft aggressiv ist und ein zunehmender Verfall der Sitten beklagt wird. Die wenigsten Hasskommentare und Beleidigungen haben in diesen Kommunikationsräumen Konsequenzen für den Absender. Ein schlechtes Gewissen oder Mitleid stellt sich bei vielen nicht ein, da das Gegenüber, mit dem man oft nicht bekannt ist, ein Abstraktum bleibt, ja bleiben muss. Ähnlich verhält es sich bei Internetkriminellen. Das Wissen um die negativen Konsequenzen für Hacking-Opfer ist natürlich da, aber Distanz und Anonymität des Mediums verhindern überaus erfolgreich, dass die Psyche rebelliert. Kriminelle, die Verschlüsselungstrojaner verschicken oder Handelsplätze für Kryptowährungen kompromittieren, müssen dafür schließlich nicht einmal ihre Komfortzone verlassen. Im 20. Jahrhundert waren Bankräuber noch hartgesottene Kerle, bereit, im Ernstfall die Schusswaffe zu gebrauchen. Diesen Typus des Bankräubers wird es in Zukunft nicht mehr geben. Stattdessen werden zunehmend solche zu Kriminellen, die im echten Leben[3] nicht fähig wären, einen Taschendiebstahl zu begehen. Bestes Beispiel hierfür ist vielleicht der US-Amerikaner Ross Ulbricht. Der libertäre Penn-State-Absolvent[4] hob mit Silk Road innerhalb weniger Monate die größte Handelsplattform des Darknets aus der Taufe. Dass Ulbricht nun vierzig Jahre einsitzen muss, klingt vielleicht ungerecht, eingedenk, dass er keine physische Gewalt ausgeübt hat (und keine Vorstrafen hatte). Aber um potentielle Nachahmer maximal abzuschrecken, musste die Justiz natürlich Härte zeigen.

Womit wir wieder beim Ausgangsszenario wären, dem Problemkomplex, den eine ultimative Spionagemaschine schaffen würde (dass eine solche kein bloßes Gedankengespinst bleiben muss, wurde bereits erörtert[5]). Hier sollten wir uns nichts vormachen: Internetkonzerne mögen öffentlich einen Kodex propagieren, die treibende Kraft aber bleibt die Gier nach Profit. Genauso unweigerlich folgen Geheimdienste und staatlich geförderte Hackerkonglomerate ihren je eigenen Interessen, während Sanktionen qua ihrer Spitzenposition im Machtgefüge meist verunmöglicht werden. Es sind diese unkontrollierbaren Strukturen, die stets einen Technologievorsprung haben werden! Gleichzeitig läuft das Individuum Gefahr, zum gläsernen Testobjekt zu degenerieren, und zwar ohne dass es sich daran stören würde.

Technologie ist Macht. Das gilt heute, das gilt morgen. Wir können also entweder dabei zusehen, wie uns unsere Freiheit nach und nach genommen wird, oder wir können Widerstand leisten. Passiven Widerstand leisten wir, indem wir der digitalen Welt so oft wie möglich abschwören und uns wieder auf das zurückbesinnen, was oben als natürliches Leben beschrieben wurde, einschließlich der Nutzung von Small-Scale-Technologie und dem Verzicht auf Konsumgüter, die wir nicht zwingend benötigen. Aktiven Widerstand leisten wir, indem wir uns in Gemeinschaften Gleichgesinnter organisieren und unsere Botschaft durch Aktionen zivilen Ungehorsams ins Kernbewusstsein der Gesellschaft tragen. Das mögen kleine Schritte sein, aber sie geschehen aufrechten Ganges. – Wer denken kann, der denke, und schreite voran.


[1] Ted Kaczynski: Industrial Society and Its Future, Abschnitt 160.
[2] Milgram: Behavioral Study of Obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology 67, 1963, S. 371-78.
[3] Hacker und Netzaktivisten bevorzugen oft das Kürzel afk (away from keyboard), da sie die digitale Welt als gleichberechtigten Teil der Realität ansehen.
[4] Masterabschluss in Kristallografie.
[5] Anm. d. Verfassers: Erörtert wurde die Symbiose von Super- und Quantencomputer.

Über die Gelassenheit – ein Dialog

Ich habe mit einem Freund einen schriftlichen Dialog über die Gelassenheit geführt. Seine Worte sind die des Damuero, meine die des Sempervirentz. Der Dialog kann hier als PDF heruntergeladen werden. Das sollte als Vorabinfo reichen. Gehen wir in medias res.

Sempervirentz: Was ist Gelassenheit? Über diese scheinbar einfache Frage, möchten wir hier sprechen. Natürlich haben wir alle eine ungefähre Vorstellung davon, was Gelassenheit ist, schließlich verwenden wird das Wort ganz selbstverständlich in der Alltagssprache. Wir assoziieren Ausgeglichenheit, Gemütsruhe, Beherrschtheit und vielleicht auch Coolness.
Begriffsgeschichte ist bei unserer Fragestellung nebensächlich. Trotzdem sei eingangs erwähnt, dass Gelassenheit nicht mit lassen im Sinne von seinlassen in Verbindung steht. Es ging aus dem Mittelhochdeutschen gelāʒen hervor, was so viel wie niederlassen und im übertragenen Sinne sich gottergeben bedeutete. Gottvertrauen steht historisch also in enger Verbindung mit Gelassenheit. Ich werde darauf zurückkommen. Zunächst aber schlage ich vor, dass wir uns der Sache ex negativo näheren. Meine erste Frage an dich lautet daher: Was sind Grenzfälle oder Zeichen ‚falscher‘ Gelassenheit?

Damuero: Es kommt auf den Kontext an, in dem man sich bewegt. Im geselligen Beisammensein mag es leicht sein, gelassen zu wirken. Ist man hingegen allein, rücken meist andere Gedanken in den Vordergrund. Vermeintliches Gelassensein verfliegt dann mitunter schnell. Öffentliche Coolness muss also nicht notwendigerweise mit echter Gelassenheit in Verbindung stehen.
Oft mag man allgemeine Passivität mit Gelassenheit verwechseln. Aber auch wenn es Schnittmengen gibt, sollte keineswegs jene Passivität gemeint sein, die durch Antriebslosigkeit und Lethargie verursacht wird. Ist es ein Zeichen von Gelassenheit, wenn man die täglichen Aufgaben im Beruf erst einmal ignoriert, nur um dann später in Hast zu geraten? Wohl kaum.
Was aber könnte das Gegenteil von Gelassenheit sein? Ich denke, die Antwort lautet Angst.

Sempervirentz: Ich denke, Angst trifft es nicht ganz. Ich verstehe Gelassenheit als Symptom. Angst hingegen ist ursächlich für Symptome wie innere Unruhe, Unrast oder Nervosität. Ich subsumiere sie unter dem Begriff Getriebenheit. Wenn Angst nun die Ursache für Getriebenheit ist, was ist dann die Ursache für Gelassenheit? Reicht das Fehlen von Angst schon aus, um gelassen zu werden?
Aber wir greifen voraus. Worin besteht denn das Gelassenheitssymptom? Du sagst, dass es keineswegs eine milde Form von Lethargie sein kann. Dem stimme ich zu. Ich denke auch, dass ein gelassener Mensch kein zielloser Mensch ist. Er hat Hoffnungen, Wünsche und Träume, die er abwägend verfolgt. Er hat sie im Blick, aber er macht sich nicht verrückt, wenn etwas dazwischen kommt. Gleichzeitig unterbindet es der Gelassene, jedem Reiz, der Ablenkung verspricht, nachzugehen. Auch Störreize bringen ihn nicht sofort aus der Ruhe. Erst dann, wenn diese überhand nehmen, widmet er sich diesen. Wenn er feststellt, dass er mit bestimmten Störfaktoren leben muss, dann akzeptiert er diese nach einer Weile und lässt sich nicht dauerhaft von diesen vereinnahmen. Du siehst, meine Anforderungen an den Gelassenheitsbegriff sind hoch.

Damuero: Die Aussage, dass Angst das Gegenteil von Gelassenheit sei, war ein recht spontaner Gedanke. Ich finde deine systematische Einordnung gut und verstehe deine Einwände. Nun sind wir uns ja darin einig, dass Angst eine entscheidende Rolle spielt. Daher möchte ich an dieser Stelle ein paar allgemeine Überlegungen zur Angst einfügen.
Angst ist nach meinem Verständnis eine Reaktion auf Vorgänge, die wir als bedrohlich interpretieren. Evolutionsbiologisch war sie sinnvoll, um bei spontan auftretenden Gefahren den Organismus rasch zu aktivieren und eine schnelle Reaktion zu ermöglichen. Ich habe irgendwo gelesen, dass ein Teil unserer zivilisatorischen Schwierigkeiten darauf beruht, dass dieser Mechanismus immer noch aktiv ist, aber aufgrund fehlender Gefahren und gleichzeitiger Überreizung der Sinne zu dauerhaftem Stress führt. Ein Beispiel: Ich sitze im Büro, und obwohl mir dort nichts Existenzielles zustoßen kann –  selbst im Falle einer Kündigung ist mein Lebensunterhalt gesichert – empfinde ich allerlei Einflüsse und Reize als bedrohlich und kann aufgrund des daraus resultierenden Dauerstresszustandes daran erkranken (siehe Burnout-Syndrom). Kurzum: Ursprünglich diente Angst als Retter in lebensbedrohlichen Situationen, heute ist sie innerhalb unseres materiell abgesicherten Lebens selbst zur Gefahr geworden. Der schlimmste Fall ist die Angst vor der Angst. Dann mündet der Mechanismus in einem absurden Kreislauf, der zu schwersten Störungen führt. Eine Randbemerkung an dieser Stelle: Laut Jordan Peterson ist Alkohol der Angstlöser schlechthin (von speziellen Medikamenten abgesehen). Auch der eigene Alkoholkonsum kann also eventuell Aufschluss über vorhandene Ängste geben.
Nun aber zu deiner Frage: Reicht das Fehlen von Angst aus, um gelassen zu werden? Ich denke, dass ein Mensch ohne Angst, oder besser: ein Mensch mit einem gesunden Verhältnis zur Angst, recht gute Chancen hat, gelassen zu sein. Hier müsste man überlegen, ob es noch andere Quellen für Getriebenheit gibt. Auch wenn vieles, was auf den ersten Blick nicht danach aussieht, auf Angst zurückführbar ist, so bleibt doch sicher das Verlangen als Ursache von Getriebenheit. Z.B. das Verlangen nach Geld, nach Sex oder nach Anerkennung. Vereinfacht könnte man sagen, es gibt eine Getriebenheit, um von etwas wegzukommen, und eine, um einer Sache näherzukommen. Nun zu deiner positiven Bestimmung der Gelassenheit. Diese geht über einen situativen Zustand hinaus und beschreibt den Wesenszug eines Menschen. Dieser Beschreibung kann ich mich durchaus anschließen. Sie erinnert mich an die aristotelische goldene Mitte. Gelassenheit als Tugend zwischen Getriebenheit und Gleichgültigkeit. Zusammenfassend kann man vielleicht sagen: Der Gelassene hat ein gesundes Verhältnis zu Angst und Verlangen.
Mit welchen Mitteln kann man Gelassenheit erreichen? Das ist vermutlich bei jedem Menschen etwas verschieden. Ich möchte aber trotzdem aufzeigen, was mir persönlich hilft.

  • Finde einen guten Umgang mit deinen Ängsten. Lerne das Gefühl der Angst auszuhalten: „Feel comfortable in the uncomfortable“ – der Kreislauf der Angst kann so durchbrochen werden.
  • Es scheint so, dass Shaolin-Mönche aufgrund ihrer physischen Abhärtung (durchaus auch im wörtlichen Sinne) weniger anfällig für Angst und Depressionen sind.
  • „Doubt is removed by action“: Ich erlebe regelmäßig, wie Unsicherheit und Ängste einfach abfallen, wenn ich aktiv werde und mich einer Tätigkeit widme. Untätiges Hadern ist der falsche Ansatz.
  • Sei dir über das bewusst, das dich antreibt. Ein gelassener Mensch weiß, was ihm im Leben wichtig ist. Er hat klare Ziele, auch wenn er sie vielleicht nicht explizit formuliert. Wenn ich ein klares Ziel habe und meinen Geist darauf ausrichten kann, wenn es mir nötig erscheint, lasse ich mich nicht so leicht ablenken.
  • Lebe gesund: viel Bewegung; ausreichend Schlaf und Ruhe; steuere welchen Einflüssen du deinen Geist und Körper aussetzt; esse gut und verzichte im Alltag auf Alkohol.
  • Schätze die Gesellschaft von Menschen und erlebe die Wohltat, sich zu öffnen, sich helfen zu lassen und anderen zu helfen.
  • Lebe dich aus: Tue die Dinge, die du immer tun wolltest; erlebe Neues, probiere dich aus.

Sempervirentz: Ich fange mal beim Biologischen an. Du hast Recht: Die Evolution der menschlichen Physiologie hält nicht Schritt mit den sich verändernden Umwelt- und Lebensbedingungen; Kulturgeschichte und Anthropogenese haben ein völlig unterschiedliches Tempo. Genetisch gesehen sind wir näher an der Steinzeit als an der Neuzeit. Vielleicht empfinden auch deswegen viele (insbesondere Männer) Aktivitäten wie Jagen, Fischen, Wandern oder auch Kampfsport als positiv, schließlich genügen sie dem Erbe als Jäger und Sammler. War ein Überschuss an Testosteron einst ein Überlebensvorteil, so kann er sich heute schnell ins Gegenteil verkehren. Ohne geeignete Kanalisierung der Triebe kommt der Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht und man läuft Gefahr, zum gestressten, frustrierten, ja ohnmächtigen Wesen zu werden. Viel Bewegung ist daher sicherlich ein ganz wichtiger Punkt, um sich in der modernen Welt gut fühlen zu können. Die richtige Ernährung ist gleichermaßen wichtig. Aber auch hier ist eine genetische Verschiebung nachweislich vorhanden. Zwar haben sich Anpassungen vollzogen – anders als Asiaten können Europäer z.B. mehrheitlich Milchzucker verdauen – aber Probleme durch Laktose oder Gluten sind trotzdem weit verbreitet, da in der vorsesshaften Vergangenheit Milch und Getreide nicht Teil der üblichen Ernährung waren.
Ich stimme mit dir auch darin überein, dass sich Getriebenheit aus verschiedenen Typen ergeben kann. Typ 1 wäre vermeidend (Angst vor / um etwas), Typ 2 zielgerichtet (Verlangen nach etwas). Gibt es vielleicht noch einen dritten, ungerichteten Typus, der basale Instinkte wie den Überlebenstrieb umfassen könnte? Was meinst du? Zudem könnte man noch unterscheiden zwischen instinktiven, individuellen und kulturell geprägten Formen, wobei hier sicherlich auch Mischformen möglich wären.
Angst kann sich, wie du sagst, in einem Zirkel selbst verstärken. Das ist eine wichtige Erkenntnis, auf die ich auch aufgrund persönlicher Erfahrungen kurz eingehen möchte. Ein großer Teil meiner Angst ist tatsächlich ‚Meta-Angst‘. Ich habe beinahe mehr Angst vor zwanghaften Verhalten als vor den Dingen, die dieses begründen. Zwanghaftigkeit nagt an den Fundamenten des Selbstbewusstseins, da man in solchen Zuständen den Eindruck hat, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein. Die Angst vor Kontrollverlust wäre also ein weiteres Beispiel, bei der eine völlige Entkopplung von der eigentlichen Funktion vorliegt.
Darüber, dass Alkohol ein Angstlöser ist, besteht kein Zweifel. Die weltweite Beliebtheit spricht für sich. Natürlich löst er keine Probleme, man kann sich höchstens etwas Zeit kaufen, kurze Stunden der Ausgelassenheit, wobei dies natürlich etwas völlig anderes ist als Gelassenheit. Ich möchte hier den Alkohol nicht verteufeln. Das wurde an anderer Stelle schon so oft gemacht und kann überall nachgelesen werden. Ich persönlich denke, dass er maßvoll in Gesellschaft genossen, das Leben durchaus bereichern kann.
Nun aber zum Kern des Ganzen. Ganz genau, werter Damuero, der Gelassene hat ein gesundes Verhältnis zu Angst und Verlangen. Er ist keineswegs frei davon, so wie es Dritte manchmal von sogenannten „Erleuchteten“ behaupten. Auch Diogenes von Sinope war nicht frei davon. Sein Ansatz bestand darin, seine Triebe auf möglichst einfache Art zu befriedigen und ansonsten über andere zu spotten und mehr oder weniger tatenlos zu bleiben. Das von ihm überlieferte Bild ist für mich eher eine Karikatur des gelassenen Menschen.
Das Negieren des Willens, um Gleichmut zu erreichen, die Geringschätzung weltlicher Dinge, asketische Ernährung, diese Jesus-Attitude, all das hat mich zwar immer irgendwie beeindruckt, aber ich habe für mich festgestellt, dass ich dafür nicht gemacht bin. Es ist genau genommen ja auch widernatürlich. In der Evolution haben sich Verstand und Sprache durchgesetzt, weil sie einen Überlebensvorteil boten, nicht weil Homo damit über die Bedingungen der eigenen Existenz nachdenken konnte. Ich gebe zu, dass mir letzteres zwar Freude bereitet, aber ein konsequenter Philosoph, der seine Einsichten eins zu eins lebt, werde ich vermutlich nie. Seien wir ehrlich: Bei den entscheidenden Lebensfragen kommt die Philosophie seit der Antike kaum weiter – und glücklich macht sie nur wenige. Nun bin ich bin ein bisschen abgedriftet. Aber es wirft vielleicht etwas Licht auf die Frage, wie viele Lebensregeln man sich zumuten kann, ohne daran zu verzweifeln.
Noch ein Wort zu Schriften, in denen dargelegt wird, dass Gedanken, Träume und Hoffnungen eine Materialisierung nach sich ziehen. Nach dem Prinzip: Wer an sich glaubt, der wird Erfolg haben. Wer zweifelt, wird von seinen Zweifeln eingeholt. Das Leben als selbsterfüllende Prophezeiung. Ich möchte das nicht in Grund und Boden reden. An sich zu glauben, ist meistens hilfreich. Aber für mich ist ein solches Konzept unzureichend, nicht nur weil es voraussetzt, dass man seine Gedanken in hohem Maße kontrollieren kann, sondern auch, weil mich die Vorstellung, man habe sein Schicksal weitestgehend in der eigenen Hand, überhaupt nicht überzeugt.
Das Schlusswort möchte ich nun dir überlassen. Nicht ohne vorher zu verraten, dass mir manchmal tatsächlich so etwas wie Gottvertrauen dabei hilft, nicht völlig die Orientierung zu verlieren. Es ist dies der Glaube, dass sich die Dinge schon irgendwie zum Guten fügen werden. Für mich persönlich ist es also durchaus sinnvoll, die ursprüngliche Bedeutung von Gelassenheit mitzudenken.

Damuero: Du hast viele Punkte angesprochen und da es meine letzte Antwort sein soll, kann ich nicht auf alle angemessen eingehen. Zu den Typen der Getriebenheit: Die Unterscheidung zwischen verschiedenen Formen finde ich interessant, vor allem auch wenn man sich damit beschäftigen möchte, was in einer Gruppe oder Gesellschaft zu mehr Gelassenheit führen könnte. Aber wie du andeutest, ist eine scharfe Trennung wohl oft nicht einfach. Für meine persönliche Situation halte ich die Unterscheidung für nicht so relevant. Den Überlebenstrieb würde ich beispielsweise nicht hinterfragen, nur um gelassener zu sein.
Passend zu deinem Ausflug in die antike Philosophie habe ich mich in der Zwischenzeit etwas intensiver mit den Stoikern beschäftigt. Ich teile deine Einschätzung von Diogenes. Auch wenn er inspiriert, die eigenen Lebensgewohnheiten und Konventionen zu hinterfragen, dient er mir kaum als Vorbild für ein glückliches Leben. Die Stoiker, die wohl von den Kynikern beeinflusst waren, sind doch vielmehr dem produktiven Leben in der Gesellschaft zugewandt. Von ihnen habe ich einiges über Gelassenheit gelernt, aber das würde hier zu weit führen. Zusammenfassend kann ich sagen, dass sich mein Verständnis der Gelassenheit so gewandelt hat, dass ich sie nicht nur als bewusst herbeigeführte innere Haltung, sondern als Resultat eines angemessenen Umgangs mit den eigenen Bedürfnissen und Zielen verstehe. Zumindest im stoischen Sinne erfordert Gelassenheit Disziplin und Ordnung. Daher muss ich dir an dieser Stelle auch widersprechen: Die praktische Philosophie kann durchaus glücklicher und zufriedener machen. Bei der Beschäftigung mit der Frage, inwiefern der eigene Erfolg von den eigenen Gedanken abhängt, stehe ich noch ganz am Anfang, es gibt aber aus meiner Sicht Hinweise, dass doch einiges dafür spricht. Aber vielleicht wäre das ein gutes Thema für einen neuen Dialog. Abschließend kann ich dazu sagen, dass man vielleicht nicht die Ereignisse des eigenen Lebens völlig in der eigenen Hand hat, aber doch, wie man damit umgeht. Und damit wären wir wieder bei der Gelassenheit.

Gedanken zu Thomas Nagels „Geist und Kosmos“

„Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ – so lautet der provokante Untertitel von Thomas Nagels Werk „Geist und Kosmos“.[1] Schon diese Formulierung signalisiert einen hohen, ja vermutlich überhöhten Anspruch. Nagel richtet sich nicht gegen einzelne Hypothesen der Evolutionsbiologie, sondern gegen das naturalistische Deutungsmodell insgesamt. Dieses besagt, dass alles, mithin auch alles Mentale, aus ungerichteten physikalischen Prozessen hervorgegangen sei. Dagegen lässt Nagel teleologische Erklärungsmuster wieder gelten – nicht restlos überzeugend, wie sich zeigen wird.

Nagel unterscheidet zunächst zwischen drei geschichtlichen Prinzipien, um die Entstehung von Leben, Bewusstsein, Kognition und Werten zu erklären:

kausal | intentional | teleologisch

Innerhalb einer kausalen Geschichte werden diese Phänomene als Resultate zufälliger Variationen und gesetzmäßiger Selektion verstanden, ohne dass es eine Richtung oder ein Ziel gäbe. Bei einem intentionalen Verlauf greift ein Schöpfer an verschiedenen Stellen immer wieder korrigierend oder lenkend ein. Und bei einem teleologischen Geschehen sind die Ziele der kosmologischen Entwicklung bereits in die Anfangsbedingungen eingeschrieben.

Jedes dieser drei Prinzipien kann nach Nagel entweder reduktiv oder nicht-reduktiv gedacht werden. Reduktiv bedeutet, dass komplexe Phänomene vollständig auf einfachere Bestandteile zurückgeführt werden können. Der klassische Naturalismus ist mithin eine reduktive Form des kausalen Prinzips. Auch panprotopsychistische Modelle bleiben letztlich reduktiv, da sie Geistiges in elementaren Bausteinen verorten.

Nicht-reduktiv bedeutet, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile – das klassische Emergenzmodell. Nagel ist jedoch weder vom reduktiven noch vom emergenten Kausalprinzip überzeugt. Beide, so der Einwand, erklärten nicht hinreichend, wie subjektives Erleben und rationale Einsicht aus bloßen Naturprozessen hervorgehen.

Das intentionale Modell verwirft er weitgehend, da er als Atheist ontologisch sparsam bleiben möchte. Stattdessen spricht er sich für eine emergente teleologische Naturordnung aus: Die Natur selbst soll auf Bewusstsein, Vernunft und Werte hin angelegt sein. Nagel formuliert dabei keine ausgearbeitete Theorie, sondern beschreibt lediglich die notwendigen Eigenschaften eines noch zu entwickelnden Erklärungsmodells.

Die Stärke von „Geist und Kosmos“ liegt in der präzisen Diagnose von Erklärungslücken. Selbst wenn wir jedes neuronale Detail des Gehirns kennen würden, so bliebe die Frage offen, warum und wie aus physikalischen Vorgängen subjektives Erleben entsteht. Am Beispiel des harten Problems des Bewusstseins erweist sich Nagels Naturalismuskritik als überaus schlüssig.

Problematisch wird es jedoch bei den Konsequenzen seiner „Naturteleologie“, erfordert diese doch ein indeterministisches Universum, das durch die in den Anfangsbedingungen angelegten Zwecke auf den ‚richtigen‘ Weg gebracht wird. Das mag man annehmen oder nicht; es sollte aber gesagt sein, wie sich der menschliche Wille in ein solches Modell fügt, ohne zu einem bloßen Vollzugsorgan einer im Naturprozess angelegten Bestimmung herabzusinken. Nagel bekennt sich zwar zu einem inkompatibilistischen Freiheitsbegriff, geht aber kaum darauf ein, wie ein als frei gedachter Wille in einem zielgerichtet strukturierten Kosmos überhaupt wirken könnte.

Zudem wäre da noch das Emergenzproblem. Es mag zwar eine schöne Vorstellung sein, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sein könnte, aber indem man dies propagiert, schiebt man das Problem nur auf. Statt zu fragen, wie Bewusstsein entsteht, müsste man sich nun mit der Frage befassen, wie Emergenz zustande kommt. Notgedrungen bleibt Nagel auch hier eine Antwort schuldig.

Darüber hinaus vertritt Nagel einen Werterealismus, der davon ausgeht, dass Gut und Böse im selben Sinne existieren wie Bewusstsein und Kognition. Diese These steht jedoch in Widerspruch zu zahlreichen empirischen Befunden, die moralische Vorstellungen als stark kultur- und umweltabhängig ausweisen. Ob Werte im selben ontologischen Sinn existieren wie mentale Zustände, ist überaus fraglich.

Interessanterweise gewinnt man an vielen Stellen den Eindruck, dass Nagel zwischen den Zeilen eine Art negative Theologie betreibt: Er weist materialistische Erklärungen zurück, ohne eine positive Alternative vollständig zu formulieren. Dies kulminiert in seinem bezeichnenden Schlusssatz:

„Des Menschen Wille, zu glauben, ist unerschöpflich.“[2]

Mich konnte Nagels Argumentation nicht vollends überzeugen. Seine Kritik ist scharf, eigene Lösungen bleiben jedoch skizzenhaft. Der Wert seiner Überlegungen liegt an anderer Stelle, regen sie doch dazu an, die Selbstverständlichkeiten des naturalistischen Weltbildes zu hinterfragen. Insofern bleibt das Buch eine Leseempfehlung für jene, die das eigene Weltverständnis nicht als Endpunkt, sondern als Herausforderung begreifen.


[1] Originaltitel: Mind and Cosmos. Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature is Almost Certainly False. Oxford University Press, 2012.

[2] Im Original: „The capacity of the human mind to believe is inexhaustible.”

In eigener Sache: Abstract und Inhaltsangabe meiner Studie zu Robert Musil von 2008

Der Titel der Arbeit lautet „Genauigkeit und Seele“: Der Versuch einer Synthese von Ratio und Mystik in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Sie kann in gedruckter Form u.a. über Amazon bezogen werden. Eine digitale Kopie stelle ich hier zur Verfügung.

In der Arbeit wird das Verhältnis von Ratio und Mystik in Musils Roman mit analytischen Mitteln behandelt, bei gleichzeitiger, durchaus historisch-kritisch gewendeter Bezugnahme auf maßgebliche Wegbereiter des logisch-empiristischen Paradigmas selbst. In diesem Fall sind das Ernst Mach [1838-1916] und Ludwig Wittgenstein [1889-1951].

Klappentext / Abstract
 
In Robert Musils Gesamtwerk im Allgemeinen und im „Mann ohne Eigenschaften“ im Besonderen wird immer wieder auf die Gegensätzlichkeit von naturwissenschaftlichem Denken und „Gefühlsdenken“, Wissen und Glauben, Ratio und Mystik verwiesen [vgl. Albertsen 1968, S. 11]. Musil stellte die verschiedenen Formen des Erkennens zwar einander gegenüber, doch bestand das Ziel keineswegs darin, die Trennlinie zwischen diesen zu verschärfen. Im Gegenteil: Musil hoffte darauf, die heterogenen Pole menschlicher Welterschließung am Beispiel seines Protagonisten Ulrich unter einer empirisch ausgerichteten Form von ‚Meta-Rationalität‘ subsumieren zu können [vgl. Pieper 2002, S. 67]. Darzulegen, warum der Versuch dieser Synthese scheitern musste, ist ein Hauptanliegen der Arbeit. Das Schicksal Ulrichs, der Zentralfigur des Romans, ist bei dieser vornehmlich erkenntnistheoretischen Untersuchung in keiner Weise auszuklammern. Wie sich zeigen wird, ist dieses mit den philosophischen Ansichten derselben und denen ihres Schöpfers aufs engste verflochten. [Die entsprechende Literaturliste findet sich im Buch ab S. 94.]


Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Eine Art Einleitung
Stellung der Aufgabe
Forschungsstand

1. Essayistische Eingangsbetrachtungen
1.1. Der „Mystiker mit dem Bedürfnis nach rationaler Überprüfung
1.2. Die Erkenntnis des Dichters

2. Der „rationale Mensch“
2.1. Die Etymologie des Verstandesdenkens
2.2. Rationalisierung und Spezialisierung: Die „Entzauberung der Welt“

2.3. Die „Westliche Wissenschaftliche Tradition“
2.4. Die Grenzen des Sagbaren

3. Das Mystische
3.1. Etymologie und Begriffsbestimmung
3.2. Die mystische Komponente des Begriffes „ohne Eigenschaften“
3.3. Der Mystikbegriff Wittgensteins

4. Musil und die exakten Wissenschaften
4.1. Drei Versuche, ein „bedeutender Mann“ zu werden
4.2. Musils Schwanken zwischen der dualistischen Gestaltpsychologie Stumpfs und Machs monistischer Empfindungslehre
4.3. Musils Dissertation über die Erkenntnislehre Machs und die Beantwortung einer „Lebensfrage“

5. Gründzüge der Philosophie Ernst Machs
5.1. Die Denkökonomie oder das ‚Machsche Rasiermesser‘
5.2. Die evolutionäre Erkenntnistheorie
5.3. [IIIII.III.] Die Elemententheorie
5.4. Machs Sprachkritik
5.5. Körper und Substanz
5.6. Das Machsche Prinzip: Funktionalität statt Naturnotwendigkeit, Relativität statt Absolutheit
5.7. Die ‚Unrettbarkeit des Ichs‘
5.8. Eine solipsistische Welt ohne Selbst?

6. Rezeption der Machschen- und Ausbildung einer ‚Musilschen Erkenntnislehre‘ im „Mann ohne Eigenschaften“
6.1. Vorbemerkungen
6.2. Die Rückbindung der Wissenschaft an das Leben
6.3. Naturnotwendigkeit oder unendlicher Möglichkeitsraum?
6.3.1. Kausalität und erzählerische Ordnung
6.3.2. „Es könnte ebensogut anders sein“: Ulrichs „Möglichkeitssinn“
6.3.3. Die Auseinandersetzung mit dem Kausalitätsprinzip im „Mann ohne Eigenschaften“
6.4. Die Funktionale Betrachtungsweise
6.4.1. Das „Kraftfeld“ von Gut und Böse, Liebe und Hass
6.4.2. Die Anpassung der moralischen Vorstellungen an die „Beweglichkeit der Tatsachen“ oder Musils ‚Mathematik der Moral‘
6.5. Der Subjektbegriff in einer „Welt von Eigenschaften ohne Mann“
6.5.1. Die Machsche Elemententheorie und die freie Verteilung von Eigenschaften
6.5.2. Kulturelle Aspekte der ‚Eigenschaftslosigkeit‘
6.6. Die „Utopie des exakten Lebens“ oder „schweigen, wo man nichts zu sagen hat“
6.7. Auf dem Weg in den „anderen Zustand“

7. Endbetrachtung

Literatur

Über Helden

Zum Helden wird nur, wer etwas riskiert, das ihm kostbar ist. Man muss damit rechnen, schwer verletzt oder getötet zu werden. Man muss in Kauf nehmen, aufgrund seiner Äußerungen oder Taten verunglimpft, gehasst oder gar verfolgt zu werden; und man muss darauf vorbereitet sein, Familie und Freunde zu verlieren oder zurückzulassen. Das alles trifft natürlich auch auf Verbrecher oder Hasardeure zu. Und so muss stets hinzugedacht werden, dass der Held seine Sache zum Wohle des Gemeinwesens oder anderer Einzelpersonen unternimmt und nur sekundär eigene Interessen verfolgt. Trotzdem ist der Grad schmal. Jene Polizisten, Soldaten und Spezialkräfte, die ihr Leben aufs Spiel setzen, damit wir in Sicherheit leben können, gelten uns meist zu Recht als Helden. Auch der Whistleblower Edward Snowden wird mehrheitlich als Held gesehen. Doch aus Sicht eines CIA-Agenten, der durch seine Enthüllungen möglicherweise in Gefahr gebracht wurde, ist er ein Abtrünniger, der die eigenen Reihen kompromittiert.

Manche Akteure erhalten ihren Heldenstatus erst Jahre nach ihrem Tod. Claus Schenk von Stauffenberg war zunächst einmal ein Attentäter und Hochverräter. Erst im Rückblick wurde sein Handeln im Rahmen der Operation Walküre von der Mehrheit der Deutschen als Heldentat gewürdigt.

Ob es in unserer Gesellschaft auch ungerühmte Helden gibt? Und ich spreche jetzt nicht von den Helden des Alltags (freiwillige Helfer, Ehrenamtliche etc.), von denen es zum Glück viele gibt, sondern von Personen, die im Gefängnis sitzen oder die von großen Teilen der Bevölkerung verachtet werden. Es wäre jedenfalls vermessen zu sagen, dass dieser Gedanke beiseitegeschoben werden kann. Was heute umstritten oder verboten ist, gilt in Zukunft vielleicht zu Recht als Maßgabe. Es gibt zahlreiche Beispiele der jüngeren Geschichte, die das illustrieren. Ein besonders bezeichnendes Schicksal ist das von Ignaz Semmelweis: Er entdeckte Mitte des 19. Jahrhunderts, dass der Grund für das Kindbettfieber in verunreinigten medizinischen Geräten wie Skalpellen liegt. Er wurde ausgelacht, bekämpft, landete in der Psychiatrie und starb dort offiziell an einer Blutvergiftung (der Exhumierungbericht deutet eher auf Gewalteinwirkung hin). Der Fall Semmelweis verdeutlicht, dass auch in der Wissenschaft Personen je nach Zeitgeist völlig unterschiedlich wahrgenommen werden können. Was damals als Wahnsinn galt, ist heute anerkannte Lehrmeinung.

Neben der Zeit bestimmt natürlich vor allem die Perspektive das Urteil. So gilt Salman Rushdie den einen als Held freier Meinungsäußerung, den anderen als blasphemischer Provokateur. Richard Dawkins erscheint je nach Blickwinkel mal als visionärer Vordenker, mal als destruktiver Vulgärmaterialist; und Julian Assange wird entweder als Staatsfeind oder als Wegbereiter freier Information gesehen.

Und wie steht es um den folgenden Fall? – Kann ein Genforscher, der Experimente an lebenden Primaten durchführt, um neue Krebstherapien zu entwickeln, jemals ein Held sein? – Hier deutet sich die Frage nach dem Verhältnis von Zweck und Mitteln an, die in diesem Beitrag allerdings unbeantwortet bleiben muss.

Abschließen möchte ich mit einer Bestimmung ex negativo:
Wer nur das sagt, was Common Sense ist[1], wer sich nicht traut, eigene Thesen auch gegen Widerstände zu artikulieren, oder wer vor den Konsequenzen eigener Überzeugungen zurückschreckt, der operiert im Modus des Mitsprechens und wird kein Held – weder in der Gegenwart noch in der Rückschau.
Widerstand aus bloßen Provokationsgelüsten heraus ist freilich auch nicht heldenhaft.

Zum Helden wird nur, wer zum Wohle anderer hohe Risiken eingeht – und dies auch nur dann, wenn sich die Tat oder These, sei es unmittelbar oder rückblickend, als Bonum erweist. Denn man sollte nicht vergessen: Auch gut gemeinte Taten, können böse Folgen haben.


[1] Man betrachte z. B. das Phänomen des Virtue Signalling.

Lob des Determinismus

Vorbemerkung: Diesen Aufsatz habe ich 2007 verfasst (im Rahmen meines Frankfurter Philosophiekreises). Die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit würde ich heute anders bewerten. Gleichwohl halte ich den Text weiterhin für lesenswert.

Dieser Kurzaufsatz versucht natürlich keine Antwort auf die Frage zu geben, ob sich unsere Welt gänzlich deterministisch verhält oder nicht. Das wäre eine Frage, die sich allein mit allumfassender Kenntnis der naturgesetzlichen Struktur des Universums klären ließe. Die Beantwortung dieser Frage fiele also (wenn überhaupt) in den Kompetenzbereich der Physik. Der Philosoph jedoch kann seine Zeit nutzen, indem er sich Gedanken darüber macht, was es bedeuten würde, in einer deterministischen Welt zu existieren. Ich werde hier nicht bloß behaupten, dass der Determinismus ein konsistentes Erklärungsmodell darstellt – das wäre zu wenig. Vielmehr möchte ich zeigen, warum der Determinismus auch aus philosophischen Gründen Vorteile gegenüber indeterministischen Konzepten bietet. Keineswegs werde ich eine Position beziehen, die im kompatibilistischen Sinne versucht, Willensfreiheit und Determinismus miteinander zu versöhnen. Ich persönlich glaube, dass der menschliche Geist nicht losgelöst von der materiellen Welt existieren kann. Das impliziert nicht, dass der Mensch willenlos ist. Nein, bewusstes Wollen ist unbestreitbar vorhanden; es ist jedoch, so mein Verständnis, über unvorstellbar komplexe Kausalketten ins Universum eingebettet.

Deterministisches Chaos, Berechenbarkeit und
quantenmechanischer Zufall

In einem absolut deterministischen Universum kann es keinen Platz für Zufälle geben. Der Physiker, der seine Aufgabe darin sieht, die Wahrheit des Determinismus zu beweisen, müsste also zeigen, dass diejenigen Phänomene, die ein Ergebnis echten Zufalls zu sein scheinen, auf Pseudozufall beruhen. Albert Einstein ist das nicht gelungen, obwohl er zeitlebens daran gearbeitet hat. Sein berühmter Satz „Gott würfelt nicht“ blieb gleichwohl ein Vermächtnis für viele nachfolgende Physiker, die eine indeterministische Deutung der Quantenphysik genauso wenig hinnehmen wollten.

Auf der Makroebene scheinen alle Systeme naturgesetzlich determiniert zu sein. Das gilt auch für Systeme, die in der Physik als chaotisch bezeichnet werden. Ein chaotisches System gilt aufgrund seiner Komplexität als unberechenbar. Diese Unberechenbarkeit beruht allerdings nicht auf einer prinzipiellen epistemischen Schranke, sondern auf einem Mangel an Information. Auch ein chaotisches System folgt einer deterministischen Dynamik und ein allwissendes Wesen könnte das Verhalten des Systems prinzipiell vorhersagen.

Die letzte Bastion echten Zufalls bildet allein die Quantenphysik, deren Entwicklung bereits im frühen zwanzigsten Jahrhundert mit Arbeiten von Planck und Einstein begann und die von Bohr, Heisenberg u. a. weiterentwickelt wurde – dann allerdings unter indeterministischen Prämissen (siehe Kopenhagener Deutung). Von Beginn an stellten sich die Forscher natürlich die Frage, ob die scheinbar zufälligen Phänomenen auf der Quantenebene (z. B. beim Doppelspaltversuch) nicht doch determiniert sein könnten. Die Existenz von sogenannten nichtlokalen verborgenen Variablen lässt sich jedenfalls bis heute nicht ausschließen und es gibt eine ganze Reihe von Interpretationen der Quantenphysik, die auf dieser Möglichkeit fußen.

Aber selbst wenn es auf der Quantenebene tatsächlich echte Zufallsprozesse geben sollte, so änderte das nichts an der Determiniertheit des Menschen. Denn Quanteneffekte machen sich nach heutigem Erkenntnisstand auf höheren Ebenen nicht wesentlich bemerkbar (siehe Dekohärenz). Das heißt, die Physik des meso- und makroskopischen Bereichs – und damit auch die des menschlichen Gehirns – ist vermutlich eine deterministische.

Indeterminismus ist eine Scheinlösung

Jetzt kommt ein weiteres Aber – und dieses ist entscheidend: Selbst wenn sich quantenphysikalische Zufallseffekte auf höhere Ebenen der Hirnstruktur auswirken sollten, die Physik menschlicher Kognition also nicht vollständig deterministisch wäre, so änderte das nichts an der Determiniertheit des menschlichen Willens. Es wäre allerdings eine weniger wünschenswerte Determiniertheit, denn der Wille würde teilweise von unkontrollierten Zufallsprozessen abhängen. Innerhalb des quantenmechanischen Systems Mensch herrschte zwar ein gewisser Freiheitsgrad, aber der Wille selbst wäre in Gefahr. Treffend formuliert hat dies Mitdiskutant Carsten Glöckner:

„Ein freier Wille ist nicht dein Wille.“

Zudem hat eine indeterministische Welt den Nachteil, dass sie unhintergehbare Erkenntnisgrenzen enthält. In einer solchen Welt wäre es unmöglich herauszufinden, warum sich ein System exakt so verhalten hat, wie es sich verhalten hat. Dinge wie Gehirne wären nichts anderes als komplexe Würfel, von denen man nicht genau wissen kann, wie sie fallen.

Die Struktur hinter den Dingen möglichst genau zu beschreiben und zu verstehen, ist das Ziel jedes seriösen Forschers. Zwar trägt der Philosoph nicht unmittelbar zur Aufdeckung dieser Strukturen bei, aber er sollte doch zumindest das Interesse an dieser Form der Erkenntniserweiterung teilen. Für den forschenden Menschen muss die beste aller möglichen Welten folglich eine deterministische sein, denn nur in einer solchen kann das Rekonstruktionsprinzip vollständig gelten, nur in einer solchen kann durch sukzessives Aufdecken ihrer Strukturen ein höheres Prinzip in seiner Gänze erkannt werden. Kurzum: Wenn restloses Erklären die kausale Bestimmtheit jedes Ereignisses voraussetzt, dann ist ein Universum, das sich selbst betrachten und bis ins Kleinste verstehen will, notwendigerweise deterministisch.

Die Irrationalitätstheorie der Willensfreiheit

Von einem Physiker in unserer Runde wurde die Fähigkeit, irrationale Handlungen zu vollziehen, als Indiz für die menschliche Willensfreiheit herangezogen. Aus bewusster Perspektive scheint es, als könne der Mensch durch Willensanstrengung tatsächlich irrationale Entscheidungen herbeiführen. Betrachtet man die molekulare Ebene, entscheidet der Mensch aber gemäß seinen Hirnzuständen. Auf dieser Ebene wird Rationalität am besten in Bezug auf eine spezifische Zweckerfüllung verstanden. Ein Hirnzustand ist also dann rational, wenn er zweckerfüllend ist. Wenn man sich nun bewusst zu einer irrationalen Tat entschließen möchte, bedeutet das auf unterer Ebene, dass die Zweckerfüllung gerade darin besteht, den Prozess anzuwerfen, der die irrationale Handlung initiiert. Denn natürlich kann ich mich dazu entscheiden, komische Dinge zu sagen oder Fratzen zu ziehen. Das ist nicht im entferntesten ein Beweis dafür, dass der Wille nicht determiniert ist.

Aber angenommen der Quantenzufall könnte tatsächlich die Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten herbeiführen, und eine der zwei Möglichkeiten wäre tatsächlich irrationaler in Bezug auf eine Zweckerfüllung, dann wäre die hier vorgestellte Form der Willensfreiheit erfüllt. Doch ist das eine Vorstellung die positiv besetzt werden kann? Willensfreiheit bestünde dann darin, dass durch Zufallsprozesse irrationale Handlungen nicht ausgeschlossen sind. Ist das eine befriedigende Antwort?

Wenn man annimmt, dass ein zweckerfüllender Zustand darin bestehen könnte, dass die Person auf bewusster Ebene zu der Einstellung kommt, einen anderen Menschen töten zu müssen, der irrationale Zustand diesen Zwang jedoch abwenden könnte, hätte die Theorie dann an Attraktivität gewonnen?

Ich denke nicht, denn auch der umgekehrte Fall wäre möglich. Man könnte zwischen dem Impuls zu töten und dessen Ablehnung schweben – und entscheiden müsste der Zufall. Diese Theorie erscheint mir als eine äußerst unbefriedigende Theorie der Willensfreiheit, denn gemäß dieser werden ultimative Handlungen zum Würfelspiel.

Die akausale Theorie der Willensfreiheit

Denker, die die Kopenhagener Deutung (KD) schätzen, würden an dieser Stelle vielleicht einschreiten und argumentieren, die obige Theorie wäre dann vollkommen, wenn man zusätzlich annähme, dass der Zustand, bei dem der Geist zwischen rationaler und irrationaler Entscheidung schwebt (siehe Superposition), durch den „freien Willen“ des Menschen in die gewünschte Richtung gelenkt werden kann. (Man könnte diesen Prozess in Anlehnung an die KD als vom Willen gesteuerte Zustandsreduktion bezeichnen.) Freilich wäre der Wille dann eine Instanz, die immateriell realisiert ist und von nichts außer sich selbst abhängt, d. h. akausal ist. Der Wille wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein unbewegter Beweger. Dass dieser Theorie nicht mit wissenschaftlichen Mitteln beizukommen ist, liegt auf der Hand. Mehr noch: Es ist eine Theorie, die alles erklären will, aber nichts beweist, die weitere Fragen aufwirft und gegen das Prinzip ontologischer Sparsamkeit verstößt. Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass sie wahr ist. Für den Philosophen, dem die menschliche Würde besonders am Herzen liegt, wäre eine Welt, in der es im Kopf akausal zugeht, vermutlich die beste aller erdenklichen. Allerdings würde sich eine solche Welt nicht mit dem Konzept eines allmächtigen Gottes vertragen. Aber diese Vorstellung gilt ja vordergründig ohnehin als naiv.

Für welche Theorie votieren Sie nun, werter Leser?

Meine These: Das Universum kennt Ihre Entscheidung bereits. Beweisen kann das freilich niemand. Aber auch das weiß das Universum.

Wer denken kann, der denke

Fragment eines Plädoyers für die Vernunft
2011 gemeinsam mit Fabian Butzbach verfasst.

Vorbemerkung

Die aufgeklärte westliche Wissenskultur ist ein hohes Gut. Insgesamt profitieren wir von den Erkenntnissen, die sie hervorgebracht hat, auch wenn stets eine missbräuchliche Nutzung von Wissen möglich ist. Das wissenschaftliche Ideal unter Schutz zu stellen, gehört zum Selbstverständnis unserer Zivilisation. Und doch deuten viele Phänomene unserer Zeit darauf hin, dass unsere Wissenskultur sukzessive unterwandert wird und einer Wiederbelebung bedarf. Wie könnte eine solche aussehen? Dieser Frage widmet sich der vorliegende Entwurf.

Um klar zu sehen, wird eine Bestandsaufnahme ohne Beschönigung notwendig sein. In gemeinsamer Anstrengung soll schließlich ein Gegenentwurf geschaffen werden zu Pseudowissenschaft, Esoterik, Populismus, Verschwörungstheorien, religiöser Engstirnigkeit sowie all jenen, die direkt oder indirekt, absichtlich oder aus Nachlässigkeit, wissend oder unwissend, ein Gefüge der Unvernunft mit aufbauen oder nichts dagegen unternehmen.

Der Fall der Steine

Denker aller Zeitalter liebten große Worte. Getrieben von der Vorstellung, dass der Mensch ein Vernunftwesen sei, frei in seinem Handeln und ausgestattet mit einer unsterblichen Seele, wurde er zur Krone der Schöpfung, ja zum höchsten Wesen überhaupt erklärt. Nur Gott als Weltenschaffer und oberster Richter war dem Menschengeschlecht übergeordnet.

In einem Jahrtausende währenden Prozess entfachte der menschliche Geist ein Licht, das die Beschaffenheit der eigenen Art bis zur feinsten Zellstruktur durchleuchten sollte: An die Stelle menschlicher Überhöhung trat im Zuge der Entzauberung der Welt durch die exakten Wissenschaften eine für das menschliche Selbstverständnis nur schwer hinnehmbare Erniedrigung. Der Mensch stammte seither nicht von Gott, sondern vom Affen ab; der Geist führte kein immaterielles Eigenleben mehr, sondern stand und fiel mit der Intaktheit des Gehirns. Und von der Liebe zwischen den Geschlechtern blieb nur ein arterhaltender, durch Neurotransmitter generierter Rauschzustand.

Zentrale Begriffe der Philosophie fielen wie Steine zu Boden: Wahrheit ist formal nicht mehr als der Wert einer propositionalen Funktion; Schönheit degradierte zum subjektivistischen Füllwort ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit; Chancengleichheit als Bedingung für Gerechtigkeit wurde in einer Welt, in der die Macht der Gene herrscht, zu einem unmöglichen Versprechen; der Glaube an einen allmächtigen und gleichzeitig gütigen Gott ist nicht erst seit den Gewaltexzessen zweier Weltkriege und dem Holocaust ein Unding, und die seit Urzeiten gepriesene menschliche Freiheit entpuppte sich im Lichte der Neurobiologie als Illusion – oder aber als Fluch, wenn sie doch existieren sollte; denn wer frei ist, ist verantwortlich für sein Tun. Aber – und das ist das Gute daran: All diese Verwerfungen althergebrachter Vorstellungen haben ihre Berechtigung, denn sie beugen einer „systematischen Selbsttäuschung“ vor (Trivers 2011). In der Vergangenheit mögen positive Illusionen und „Wahnsysteme“, wie Thomas Metzinger es zuspitzt, vielleicht einen Überlebensvorteil geboten haben. Aber für heutige und kommende Zeiten muss das Gebot ein anderes sein: Es gilt, angesichts der menschlichen Sterblichkeit, aufrichtig zu bleiben; es gilt, sich einzugestehen, dass die Vorstellung an ein paradiesisches Jenseits nicht haltbar ist. Glaube kann erst dort beginnen, wo Wissen aufhört; was im Umkehrschluss bedeutet, dass es unmöglich ist, an Dinge zu glauben, von denen man weiß, dass sie nicht sein können.[1] Es gilt sich schließlich einzugestehen, dass ein legitimer Raum für Glaubensinhalte nur dort sein kann, wo kein Wissen ist. Aber wovon man nichts weiß, kann man nicht sprechen, und wovon man nicht sprechen kann, darüber sollte man bekanntlich schweigen.[2]

Intellektuell redlich ist daher nur der, der bereit ist, seine Meinung zu revidieren, wenn empirische Befunde dies gebieten, intellektuell redlich ist nur der, der nicht aufhört zu fragen, wo gefragt werden kann, intellektuell redlich ist nur der, der die Grenzen des Denkens mitdenkt und dadurch dem Ausdruck der Gedanken eine Grenze setzt: Der intellektuell Redliche sagt, was er weiß, und schweigt darüber, was er glaubt.

Menschliche Vernunft

Eines der wichtigsten Konzepte für das menschliche Selbstverständnis ist das der Vernunft. Von nahezu allen großen Denkern des Abendlandes wurde die Vernunft als das höchste Gut des Menschen angesehen. Das Vermögen, vernünftig zu handeln, begründet den Unterschied zwischen Mensch und Tier. Wer vernünftig handelt, handelt im Einklang mit der menschlichen Natur.

Heute ist es freilich geboten, den althergebrachten Vernunftbegriff einer naturalistischen Revision zu unterwerfen. Denn was meint „vernünftig handeln“ eigentlich? Lässt sich zu diesem geistigen Vermögen eine reale neurophysiologische Basis finden? Existiert so etwas wie Vernunft im selben Sinne wie das Gehirn? Oder muss der Terminus ein philosophisches Abstraktum bleiben?

Blicken wir noch einmal zurück: In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ kommt Kant zu dem Schluss, dass Sätze gebildet werden können, die die Erkenntnis über die Welt erweitern, aber nicht auf Erfahrung basieren.[3] Zu diesen zählte Kant neben philosophischen und mathematischen Sätzen auch die der Physik, da er annahm, Raum, Zeit und Kausalität seien „reine Anschauungsformen“, die dem menschlichen Erkenntnissubjekt selbst entspringen. Spätestens die Entwicklung nicht-euklidischer Geometrien hat aber gezeigt, dass solche Sätze eine Mär sind. Es ist irrsinnig, von „der“ Mathematik zu sprechen. Vielmehr lassen sich verschiedene Mathematiken entwerfen, je nachdem welches axiomatische System gewählt wird.[4] Solche Systeme können sich in der Praxis unterschiedlich gut bewährt haben, aber tatsächlich enthalten sie kein genuines Wissen über die Beschaffenheit der Welt.[5] Hinzu kommt, dass der absolute Raum- und Zeitbegriff Newtons, auf den Kant zurückgreift, seit der empirischen Bestätigung der Einsteinschen Theorien ausgedient hat. Ähnlich verhält es sich mit dem klassischen Kausalitätsbegriff, dem mit der Planck-Zeit eine unüberwindbare Grenze auferlegt wurde.[6] Zudem könnte es auch oberhalb der Planck-Zeit indeterministisch zugehen (siehe Kopenhagener Deutung).

Stellt man nun die von Kant als unbeantwortbar zurückgewiesene Frage, wie die reinen Anschauungsformen entstanden sind, im Lichte heutiger Erkenntnisse ein weiteres Mal, so muss die Antwort lauten: aus der Evolution. Im Laufe des phylogenetischen Anpassungsprozesses an die Form des mesoskopischen Raumes[7] haben sich im menschlichen Gehirn fest verankerte Strukturen herausgebildet, die unsere kognitiven Fähigkeiten und unsere Wahrnehmung der Welt bestimmen.

Aus diesen Gründen dient in der Kognitionspsychologie schon seit geraumer Zeit der empirisch gehaltvollere Begriff der „adaptiven Verhaltenskontrolle“[8] als Ersatz für den Vernunftbegriff. Verortet ist das Vermögen zur adaptiven Verhaltenskontrolle vornehmlich im präfrontalen Kortex. Dieser Hirnregion verdankt der Mensch die Fähigkeit zu Impuls- und Triebunterdrückung, zu Belohnungs- und Bedürfnisaufschub, zu geplantem Handeln, Extrapolation, Antizipation und reflexivem Denken.[9] Als adaptiv wird dieses Vermögen bezeichnet, weil es die bestmögliche Anpassung des Menschen an seine naturräumliche, kulturelle und soziale Umgebung zum Ziel hat. Die aus diesem Vermögen resultierende besondere Flexibilität des Menschen ist in der Evolutionsgeschichte einzigartig: Kein Lebewesen kann so schnell auf sich verändernde Umweltbedingungen reagieren wie der Mensch.

In der Interaktion zwischen Gehirn und Umwelt findet sich der Ursprung allen gehaltvollen Wissens. Natürlich besitzen auch Tiere, insbesondere Primaten, erfahrungsbasiertes Wissen, das z. B. eingesetzt wird, um die Nahrungssuche zu optimieren. Aber nur beim Menschen kommt es zu einer ganzheitlichen Projektion aller wahrgenommenen Umweltsignale und einer gleichzeitigen Integration von Gedächtnisinhalten, emotionalen Bewertungen und allgemeinem Vorwissen. Zudem fungiert das menschliche Gehirn als „Beziehungsorgan“, das soziale Interaktionen vermittelt und gleichzeitig von diesen geprägt wird.[10]

Der menschliche präfrontale Kortex als die Hirnregion, die vorausschauendes Planen und vielschichtige Sozialbeziehungen ermöglicht, stellt sich somit als mächtiges Werkzeug im evolutionären Kampf ums Dasein dar. Zwar hat sich der Mensch durch seine Fähigkeit zu höherer Sprache und abstraktem Denken, das seinen höchsten Ausdruck in den Formalismen der Mathematik findet, in gewisser Weise vom Tierreich entkoppelt, aber selbstverständlich ist der Evolutionsprozess an diesem Punkt nicht stehen geblieben. Er ist durch den Einschub einer weiteren Ebene, nämlich der kulturellen, lediglich komplexer geworden.

Status quo

Weitsichtiges, planendes Handeln macht uns anpassungs- und damit überlebensfähig. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass ein Mangel an Vorausschau und Planung den Niedergang ganzer Zivilisationen herbeiführen kann. Wie viele Hochkulturen vor uns sind schon an sich selbst gescheitert? Wir können uns eine Abwertung der Wissenskultur, die über Jahrhunderte gewachsen ist und uns ein komfortables Leben führen lässt, nicht leisten. Gesellschaften, in denen eine breite Masse, aber auch viele Entscheidungsträger, das wissenschaftliche Ideal nicht teilen, werden früher oder später in Abhängigkeit derer geraten, die über Wissen verfügen, es pflegen und mehren. Wissen ist Macht. Und die Kluft zwischen Arm und Reich ist nicht zuletzt auf ein Wissens- und Innovationsgefälle zurückzuführen.

Wie steht es heute um unsere, die westliche Kultur? Leben wir noch in einem Zeitalter der Aufklärung oder gerät der Anspruch der Vordenker immer weiter in Verruf und Vergessenheit? Wie viel Unvernunft verträgt eine Gesellschaft?

Leider lassen viele Kulturphänomene und Irrlehren unserer Zeit darauf schließen, dass etwas faul ist in den einstigen Mutterländern der Aufklärung: Statt der modernen Medizin zu vertrauen, lassen sich viele Menschen von esoterischer Pseudowissenschaft verführen. Statt sich aktiv zu bilden, begeben sich viele Bürger lieber in die Obhut ihres Fernsehers. Statt das Wohl des Gemeinwesens im Blick zu haben, schauen Politiker nur zu gerne auf Umfragewerte. Sie agieren nicht weitsichtig, sondern opportunistisch. Statt sich auf Erfahrungsinhalte zu konzentrieren und diese logisch zu prüfen, entwerfen politisierte Sozial- und Kulturwissenschaftler immer weitere Theorien, die einer empirischen Grundlage entbehren.[11]

Einige Ursachen dieser Phänomene lassen sich leicht benennen: Menschen sind bequem und Nachdenken ist mühsam. Menschen sind oft selbstsüchtig und persönlicher Erfolg wird über Gemeininteressen gestellt. Viele Intellektuelle haben zwar viel gelesen, aber nicht verinnerlicht, dass Wissen nicht allein aus Büchern, sondern vielmehr aus der Synthese von genauer Beobachtung und logischer Strenge zu gewinnen ist. Zudem bedeutet ergebnisoffenes Forschen, dass man sich auch unbequemen Wahrheiten stellen muss. Gerade in der Intelligenzdebatte (Nature versus Nurture) stößt man auf sozialwissenschaftlicher Seite immer wieder auf Behauptungen, die mit den Ergebnissen empirischer Forschung nicht übereinstimmen. Man möchte die idealisierten Vorstellungen, die man von der Welt hat, schlichtweg nicht aufgeben. Aufklärung kann schmerzhaft sein, aber diesen Schmerz gilt es auszuhalten.

Die größte Herausforderung, der sich die Verfasser stellen müssen, liegt jedoch in ihrem Anliegen selbst begründet. Denn zahllosen Menschen fehlt der nötige Halt im Leben gerade als Folge der Aufklärung; hat sie ihnen doch zusehends Religion und Glaubensgewissheit genommen. Viele suchen ihr Heil seither in halbreligiösen Ersatzlehren wie z. B. der Anthroposophie, der Homöopathie oder der Astrologie. Verschwörungstheorien haben ebenfalls Hochkonjunktur.[12]

Wie kann Aufklärung also funktionieren, ohne dass jede Form von Spiritualität illegitim erscheint?

Sie kann es nur, indem sie irrationale Begründungen und ideo-logische Ansprüche scharf kritisiert und sich gleichzeitig zu persönlicher, nicht-dogmatischer Sinnsuche bekennt. Denn man darf nicht vergessen, dass der Mensch über das reine Erkenntnisvermögen hinaus immer auch ein deutendes Wesen ist und bleiben wird …

 

Quellen und weiterführende Literatur

Braus, Dieter: Einblicke ins Gehirn, Stuttgart 2010

Fuchs, Thomas: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption, Stuttgart 2008.

Jungclaussen, Hardwin: Neuronale Vernunft (Online-Publikation), 2003

Kripke, Saul: Naming and Necessity, Oxford 1980.

Metzinger, Thomas: Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit. Vortrag auf dem Kongress „Meditation und Wissenschaft“, Berlin 2010

Trivers, Robert: Deceit and Self-Deception, London 2011

Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt am Main 2003


[1] Leider fehlt den wenig Wissenden meist auch nötiges Metawissen.

[2] Kudos an Ludwig Wittgenstein.

[3] Kant bezeichnet diese als „synthetische Urteile apriori“.

[4] Die englische Sprache wird diesem Sachverhalt gerecht.

[5] Saul Kripke hat zudem gezeigt, dass Apriorität nicht unbedingt Notwendigkeit einschließen muss. Siehe Kripke: Naming and Necessity, 1980.

[6] Die Planck-Zeit beschreibt das kleinstmögliche Zeitintervall, für das die bekannten Gesetze der Physik gültig sind.

[7] Der mesoskopische Raum umfasst den mittleren Bereich, der zwischen Mikro- und Makrokosmus liegt.

[8] Engl. adaptive control of behavior.

[9] Die auf assoziativem Denken beruhende Kreativität und das Vermögen zur adaptiven Verhaltenskontrolle sind nicht miteinander korreliert, sie gehen jedoch im Idealfall ein Zusammenspiel ein.

[10] Weiterführend: Fuchs, Thomas: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan, 2008. (Basiert auf einem Forschungsprojekt der Univ. Heidelberg).

[11] Die Gender Studies sind hierfür ein Paradebeispiel, ebenso wie die postmoderne Kulturtheorie, die bereits von Alan Sokal als wissenschaftlich gehaltlos entlarvt wurde. Siehe Sokal-Affäre von 1996.

[12] Die Leugnung der Mondlandung und „Chemtrails“ scheinen aktuell besonders populär zu sein.