Moral und Distanz

Der folgende Text ist meinem Roman Die Außerstandsetzung entnommen. Er bildet dort das Schlusskapitel eines technikkritischen Manifests, das den Titel In feindlicher Koexistenz trägt.

To those who think that all this sounds like science fiction, we point out that yesterday’s science fiction is today’s fact.[1]

Angenommen es existierte ein Computersystem, mit dem sich jede Schutzmaßnahme umgehen ließe, ein System, das in jeden Account, jedes Smartphone und jeden adressierbaren PC eindringen könnte – und zwar ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen. Nehmen wir weiterhin an, man selbst hätte die privilegierte Möglichkeit, dieses Instrument zu nutzen. Die Versuchung, sich informelle Vorteile zu verschaffen, wäre sicherlich groß. Welche Grenzen würde man sich auferlegen? Würde man bloß Personen ausspähen, die man nicht kennt, nicht mag oder „die es verdienen“? Oder würde man auch Partner und Freunde kontrollieren, wenn ein Anlass da wäre?

Ein solches Szenario zielt natürlich auf die Frage ab, ob wir moralische Regelsätze auch dann befolgen, wenn wir wissen, dass unser Tun nicht sanktioniert wird. Ich bin in dieser Frage Pessimist. Ich denke, dass auch diejenigen, die meinen, hohe moralische Standards zu haben, nicht vor solchen Versuchungen gefeit wären. Es würde vermutlich klein anfangen und sich steigern, sobald das Gehirn gelernt hätte, dass negative Konsequenzen ausbleiben.

Im nicht-digitalen Miteinander gibt es zum Glück natürliche Schranken; Mechanismen, die evolutionär gewachsen sind und das Zusammenleben in kleinen Gruppen sicherstellen: Bspw. können nur trainierte oder pathologisch veranlagte Menschen einem Wehrlosen eigenhändig physische Gewalt zufügen, ohne dabei Reue, Widerwillen oder Mitgefühl zu empfinden. Wird Gewalt aber nicht mehr von Angesicht zu Angesicht ausgeübt, versagen die nativen Schutzmechanismen. Das zeigt sich am deutlichsten in der modernen Kriegsführung (Töten per Knopfdruck). Darüber hinaus hat sich in den Milgram-Experimenten offenbart, dass selbst untrainierte Zivilisten zu schwerer Folter fähig sind, wenn Befehlston und räumliche Distanz zusammenkommen.[2]

Das Internet ist erst wenige Dekaden alt. Trotzdem verbringen wir einen Großteil unserer Zeit im Netz. Eingedenk des oben Gesagten ist es nicht verwunderlich, dass der Ton in den sozialen Medien oft aggressiv ist und ein zunehmender Verfall der Sitten beklagt wird. Die wenigsten Hasskommentare und Beleidigungen haben in diesen Kommunikationsräumen Konsequenzen für den Absender. Ein schlechtes Gewissen oder Mitleid stellt sich bei vielen nicht ein, da das Gegenüber, mit dem man oft nicht bekannt ist, ein Abstraktum bleibt, ja bleiben muss. Ähnlich verhält es sich bei Internetkriminellen. Das Wissen um die negativen Konsequenzen für Hacking-Opfer ist natürlich da, aber Distanz und Anonymität des Mediums verhindern überaus erfolgreich, dass die Psyche rebelliert. Kriminelle, die Verschlüsselungstrojaner verschicken oder Handelsplätze für Kryptowährungen kompromittieren, müssen dafür schließlich nicht einmal ihre Komfortzone verlassen. Im 20. Jahrhundert waren Bankräuber noch hartgesottene Kerle, bereit, im Ernstfall die Schusswaffe zu gebrauchen. Diesen Typus des Bankräubers wird es in Zukunft nicht mehr geben. Stattdessen werden zunehmend solche zu Kriminellen, die im echten Leben[3] nicht fähig wären, einen Taschendiebstahl zu begehen. Bestes Beispiel hierfür ist vielleicht der US-Amerikaner Ross Ulbricht. Der libertäre Penn-State-Absolvent[4] hob mit Silk Road innerhalb weniger Monate die größte Handelsplattform des Darknets aus der Taufe. Dass Ulbricht nun vierzig Jahre einsitzen muss, klingt vielleicht ungerecht, eingedenk, dass er keine physische Gewalt ausgeübt hat (und keine Vorstrafen hatte). Aber um potentielle Nachahmer maximal abzuschrecken, musste die Justiz natürlich Härte zeigen.

Womit wir wieder beim Ausgangsszenario wären, dem Problemkomplex, den eine ultimative Spionagemaschine schaffen würde (dass eine solche kein bloßes Gedankengespinst bleiben muss, wurde bereits erörtert[5]). Hier sollten wir uns nichts vormachen: Internetkonzerne mögen öffentlich einen Kodex propagieren, die treibende Kraft aber bleibt die Gier nach Profit. Genauso unweigerlich folgen Geheimdienste und staatlich geförderte Hackerkonglomerate ihren je eigenen Interessen, während Sanktionen qua ihrer Spitzenposition im Machtgefüge meist verunmöglicht werden. Es sind diese unkontrollierbaren Strukturen, die stets einen Technologievorsprung haben werden! Gleichzeitig läuft das Individuum Gefahr, zum gläsernen Testobjekt zu degenerieren, und zwar ohne dass es sich daran stören würde.

Technologie ist Macht. Das gilt heute, das gilt morgen. Wir können also entweder dabei zusehen, wie uns unsere Freiheit nach und nach genommen wird, oder wir können Widerstand leisten. Passiven Widerstand leisten wir, indem wir der digitalen Welt so oft wie möglich abschwören und uns wieder auf das zurückbesinnen, was oben als natürliches Leben beschrieben wurde, einschließlich der Nutzung von Small-Scale-Technologie und dem Verzicht auf Konsumgüter, die wir nicht zwingend benötigen. Aktiven Widerstand leisten wir, indem wir uns in Gemeinschaften Gleichgesinnter organisieren und unsere Botschaft durch Aktionen zivilen Ungehorsams ins Kernbewusstsein der Gesellschaft tragen. Das mögen kleine Schritte sein, aber sie geschehen aufrechten Ganges. – Wer denken kann, der denke, und schreite voran.


[1] Ted Kaczynski: Industrial Society and Its Future, Abschnitt 160.
[2] Milgram: Behavioral Study of Obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology 67, 1963, S. 371-78.
[3] Hacker und Netzaktivisten bevorzugen oft das Kürzel afk (away from keyboard), da sie die digitale Welt als gleichberechtigten Teil der Realität ansehen.
[4] Masterabschluss in Kristallografie.
[5] Anm. d. Verfassers: Erörtert wurde die Symbiose von Super- und Quantencomputer.

Über Helden

Zum Helden wird nur, wer etwas riskiert, das ihm kostbar ist. Man muss damit rechnen, schwer verletzt oder getötet zu werden. Man muss in Kauf nehmen, aufgrund seiner Äußerungen oder Taten verunglimpft, gehasst oder gar verfolgt zu werden; und man muss darauf vorbereitet sein, Familie und Freunde zu verlieren oder zurückzulassen. Das alles trifft natürlich auch auf Verbrecher oder Hasardeure zu. Und so muss stets hinzugedacht werden, dass der Held seine Sache zum Wohle des Gemeinwesens oder anderer Einzelpersonen unternimmt und nur sekundär eigene Interessen verfolgt. Trotzdem ist der Grad schmal. Jene Polizisten, Soldaten und Spezialkräfte, die ihr Leben aufs Spiel setzen, damit wir in Sicherheit leben können, gelten uns meist zu Recht als Helden. Auch der Whistleblower Edward Snowden wird mehrheitlich als Held gesehen. Doch aus Sicht eines CIA-Agenten, der durch seine Enthüllungen möglicherweise in Gefahr gebracht wurde, ist er ein Abtrünniger, der die eigenen Reihen kompromittiert.

Manche Akteure erhalten ihren Heldenstatus erst Jahre nach ihrem Tod. Claus Schenk von Stauffenberg war zunächst einmal ein Attentäter und Hochverräter. Erst im Rückblick wurde sein Handeln im Rahmen der Operation Walküre von der Mehrheit der Deutschen als Heldentat gewürdigt.

Ob es in unserer Gesellschaft auch ungerühmte Helden gibt? Und ich spreche jetzt nicht von den Helden des Alltags (freiwillige Helfer, Ehrenamtliche etc.), von denen es zum Glück viele gibt, sondern von Personen, die im Gefängnis sitzen oder die von großen Teilen der Bevölkerung verachtet werden. Es wäre jedenfalls vermessen zu sagen, dass dieser Gedanke beiseitegeschoben werden kann. Was heute umstritten oder verboten ist, gilt in Zukunft vielleicht zu Recht als Maßgabe. Es gibt zahlreiche Beispiele der jüngeren Geschichte, die das illustrieren. Ein besonders bezeichnendes Schicksal ist das von Ignaz Semmelweis: Er entdeckte Mitte des 19. Jahrhunderts, dass der Grund für das Kindbettfieber in verunreinigten medizinischen Geräten wie Skalpellen liegt. Er wurde ausgelacht, bekämpft, landete in der Psychiatrie und starb dort offiziell an einer Blutvergiftung (der Exhumierungbericht deutet eher auf Gewalteinwirkung hin). Der Fall Semmelweis verdeutlicht, dass auch in der Wissenschaft Personen je nach Zeitgeist völlig unterschiedlich wahrgenommen werden können. Was damals als Wahnsinn galt, ist heute anerkannte Lehrmeinung.

Neben der Zeit bestimmt natürlich vor allem die Perspektive das Urteil. So gilt Salman Rushdie den einen als Held freier Meinungsäußerung, den anderen als blasphemischer Provokateur. Richard Dawkins erscheint je nach Blickwinkel mal als visionärer Vordenker, mal als destruktiver Vulgärmaterialist; und Julian Assange wird entweder als Staatsfeind oder als Wegbereiter freier Information gesehen.

Und wie steht es um den folgenden Fall? – Kann ein Genforscher, der Experimente an lebenden Primaten durchführt, um neue Krebstherapien zu entwickeln, jemals ein Held sein? – Hier deutet sich die Frage nach dem Verhältnis von Zweck und Mitteln an, die in diesem Beitrag allerdings unbeantwortet bleiben muss.

Abschließen möchte ich mit einer Bestimmung ex negativo:
Wer nur das sagt, was Common Sense ist[1], wer sich nicht traut, eigene Thesen auch gegen Widerstände zu artikulieren, oder wer vor den Konsequenzen eigener Überzeugungen zurückschreckt, der operiert im Modus des Mitsprechens und wird kein Held – weder in der Gegenwart noch in der Rückschau.
Widerstand aus bloßen Provokationsgelüsten heraus ist freilich auch nicht heldenhaft.

Zum Helden wird nur, wer zum Wohle anderer hohe Risiken eingeht – und dies auch nur dann, wenn sich die Tat oder These, sei es unmittelbar oder rückblickend, als Bonum erweist. Denn man sollte nicht vergessen: Auch gut gemeinte Taten, können böse Folgen haben.


[1] Man betrachte z. B. das Phänomen des Virtue Signalling.