Über Helden

Zum Helden wird nur, wer etwas riskiert, das ihm kostbar ist. Man muss damit rechnen, schwer verletzt oder getötet zu werden. Man muss in Kauf nehmen, aufgrund seiner Äußerungen oder Taten verunglimpft, gehasst oder gar verfolgt zu werden; und man muss darauf vorbereitet sein, Familie und Freunde zu verlieren oder zurückzulassen. Das alles trifft natürlich auch auf Verbrecher oder Hasardeure zu. Und so muss stets hinzugedacht werden, dass der Held seine Sache zum Wohle des Gemeinwesens oder anderer Einzelpersonen unternimmt und nur sekundär eigene Interessen verfolgt. Trotzdem ist der Grad schmal. Jene Polizisten, Soldaten und Spezialkräfte, die ihr Leben aufs Spiel setzen, damit wir in Sicherheit leben können, gelten uns meist zu Recht als Helden. Auch der Whistleblower Edward Snowden wird mehrheitlich als Held gesehen. Doch aus Sicht eines CIA-Agenten, der durch seine Enthüllungen möglicherweise in Gefahr gebracht wurde, ist er ein Abtrünniger, der die eigenen Reihen kompromittiert.

Manche Akteure erhalten ihren Heldenstatus erst Jahre nach ihrem Tod. Claus Schenk von Stauffenberg war zunächst einmal ein Attentäter und Hochverräter. Erst im Rückblick wurde sein Handeln im Rahmen der Operation Walküre von der Mehrheit der Deutschen als Heldentat gewürdigt.

Ob es in unserer Gesellschaft auch ungerühmte Helden gibt? Und ich spreche jetzt nicht von den Helden des Alltags (freiwillige Helfer, Ehrenamtliche etc.), von denen es zum Glück viele gibt, sondern von Personen, die im Gefängnis sitzen oder die von großen Teilen der Bevölkerung verachtet werden. Es wäre jedenfalls vermessen zu sagen, dass dieser Gedanke beiseitegeschoben werden kann. Was heute umstritten oder verboten ist, gilt in Zukunft vielleicht zu Recht als Maßgabe. Es gibt zahlreiche Beispiele der jüngeren Geschichte, die das illustrieren. Ein besonders bezeichnendes Schicksal ist das von Ignaz Semmelweis: Er entdeckte Mitte des 19. Jahrhunderts, dass der Grund für das Kindbettfieber in verunreinigten medizinischen Geräten wie Skalpellen liegt. Er wurde ausgelacht, bekämpft, landete in der Psychiatrie und starb dort offiziell an einer Blutvergiftung (der Exhumierungbericht deutet eher auf Gewalteinwirkung hin). Der Fall Semmelweis verdeutlicht, dass auch in der Wissenschaft Personen je nach Zeitgeist völlig unterschiedlich wahrgenommen werden können. Was damals als Wahnsinn galt, ist heute anerkannte Lehrmeinung.

Neben der Zeit bestimmt natürlich vor allem die Perspektive das Urteil. So gilt Salman Rushdie den einen als Held freier Meinungsäußerung, den anderen als blasphemischer Provokateur. Richard Dawkins erscheint je nach Blickwinkel mal als visionärer Vordenker, mal als destruktiver Vulgärmaterialist; und Julian Assange wird entweder als Staatsfeind oder als Wegbereiter freier Information gesehen.

Und wie steht es um den folgenden Fall? – Kann ein Genforscher, der Experimente an lebenden Primaten durchführt, um neue Krebstherapien zu entwickeln, jemals ein Held sein? – Hier deutet sich die Frage nach dem Verhältnis von Zweck und Mitteln an, die in diesem Beitrag allerdings unbeantwortet bleiben muss.

Abschließen möchte ich mit einer Bestimmung ex negativo:
Wer nur das sagt, was Common Sense ist[1], wer sich nicht traut, eigene Thesen auch gegen Widerstände zu artikulieren, oder wer vor den Konsequenzen eigener Überzeugungen zurückschreckt, der operiert im Modus des Mitsprechens und wird kein Held – weder in der Gegenwart noch in der Rückschau.
Widerstand aus bloßen Provokationsgelüsten heraus ist freilich auch nicht heldenhaft.

Zum Helden wird nur, wer zum Wohle anderer hohe Risiken eingeht – und dies auch nur dann, wenn sich die Tat oder These, sei es unmittelbar oder rückblickend, als Bonum erweist. Denn man sollte nicht vergessen: Auch gut gemeinte Taten, können böse Folgen haben.


[1] Man betrachte z. B. das Phänomen des Virtue Signalling.

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