Gedanken zu Thomas Nagels „Geist und Kosmos“

„Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ – so lautet der provokante Untertitel von Thomas Nagels Werk „Geist und Kosmos“.[1] Schon diese Formulierung signalisiert einen hohen, ja vermutlich überhöhten Anspruch. Nagel richtet sich nicht gegen einzelne Hypothesen der Evolutionsbiologie, sondern gegen das naturalistische Deutungsmodell insgesamt. Dieses besagt, dass alles, mithin auch alles Mentale, aus ungerichteten physikalischen Prozessen hervorgegangen sei. Dagegen lässt Nagel teleologische Erklärungsmuster wieder gelten – nicht restlos überzeugend, wie sich zeigen wird.

Nagel unterscheidet zunächst zwischen drei geschichtlichen Prinzipien, um die Entstehung von Leben, Bewusstsein, Kognition und Werten zu erklären:

kausal | intentional | teleologisch

Innerhalb einer kausalen Geschichte werden diese Phänomene als Resultate zufälliger Variationen und gesetzmäßiger Selektion verstanden, ohne dass es eine Richtung oder ein Ziel gäbe. Bei einem intentionalen Verlauf greift ein Schöpfer an verschiedenen Stellen immer wieder korrigierend oder lenkend ein. Und bei einem teleologischen Geschehen sind die Ziele der kosmologischen Entwicklung bereits in die Anfangsbedingungen eingeschrieben.

Jedes dieser drei Prinzipien kann nach Nagel entweder reduktiv oder nicht-reduktiv gedacht werden. Reduktiv bedeutet, dass komplexe Phänomene vollständig auf einfachere Bestandteile zurückgeführt werden können. Der klassische Naturalismus ist mithin eine reduktive Form des kausalen Prinzips. Auch panprotopsychistische Modelle bleiben letztlich reduktiv, da sie Geistiges in elementaren Bausteinen verorten.

Nicht-reduktiv bedeutet, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile – das klassische Emergenzmodell. Nagel ist jedoch weder vom reduktiven noch vom emergenten Kausalprinzip überzeugt. Beide, so der Einwand, erklärten nicht hinreichend, wie subjektives Erleben und rationale Einsicht aus bloßen Naturprozessen hervorgehen.

Das intentionale Modell verwirft er weitgehend, da er als Atheist ontologisch sparsam bleiben möchte. Stattdessen spricht er sich für eine emergente teleologische Naturordnung aus: Die Natur selbst soll auf Bewusstsein, Vernunft und Werte hin angelegt sein. Nagel formuliert dabei keine ausgearbeitete Theorie, sondern beschreibt lediglich die notwendigen Eigenschaften eines noch zu entwickelnden Erklärungsmodells.

Die Stärke von „Geist und Kosmos“ liegt in der präzisen Diagnose von Erklärungslücken. Selbst wenn wir jedes neuronale Detail des Gehirns kennen würden, so bliebe die Frage offen, warum und wie aus physikalischen Vorgängen subjektives Erleben entsteht. Am Beispiel des harten Problems des Bewusstseins erweist sich Nagels Naturalismuskritik als überaus schlüssig.

Problematisch wird es jedoch bei den Konsequenzen seiner „Naturteleologie“, erfordert diese doch ein indeterministisches Universum, das durch die in den Anfangsbedingungen angelegten Zwecke auf den ‚richtigen‘ Weg gebracht wird. Das mag man annehmen oder nicht; es sollte aber gesagt sein, wie sich der menschliche Wille in ein solches Modell fügt, ohne zu einem bloßen Vollzugsorgan einer im Naturprozess angelegten Bestimmung herabzusinken. Nagel bekennt sich zwar zu einem inkompatibilistischen Freiheitsbegriff, geht aber kaum darauf ein, wie ein als frei gedachter Wille in einem zielgerichtet strukturierten Kosmos überhaupt wirken könnte.

Zudem wäre da noch das Emergenzproblem. Es mag zwar eine schöne Vorstellung sein, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sein könnte, aber indem man dies propagiert, schiebt man das Problem nur auf. Statt zu fragen, wie Bewusstsein entsteht, müsste man sich nun mit der Frage befassen, wie Emergenz zustande kommt. Notgedrungen bleibt Nagel auch hier eine Antwort schuldig.

Darüber hinaus vertritt Nagel einen Werterealismus, der davon ausgeht, dass Gut und Böse im selben Sinne existieren wie Bewusstsein und Kognition. Diese These steht jedoch in Widerspruch zu zahlreichen empirischen Befunden, die moralische Vorstellungen als stark kultur- und umweltabhängig ausweisen. Ob Werte im selben ontologischen Sinn existieren wie mentale Zustände, ist überaus fraglich.

Interessanterweise gewinnt man an vielen Stellen den Eindruck, dass Nagel zwischen den Zeilen eine Art negative Theologie betreibt: Er weist materialistische Erklärungen zurück, ohne eine positive Alternative vollständig zu formulieren. Dies kulminiert in seinem bezeichnenden Schlusssatz:

„Des Menschen Wille, zu glauben, ist unerschöpflich.“[2]

Mich konnte Nagels Argumentation nicht vollends überzeugen. Seine Kritik ist scharf, eigene Lösungen bleiben jedoch skizzenhaft. Der Wert seiner Überlegungen liegt an anderer Stelle, regen sie doch dazu an, die Selbstverständlichkeiten des naturalistischen Weltbildes zu hinterfragen. Insofern bleibt das Buch eine Leseempfehlung für jene, die das eigene Weltverständnis nicht als Endpunkt, sondern als Herausforderung begreifen.


[1] Originaltitel: Mind and Cosmos. Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature is Almost Certainly False. Oxford University Press, 2012.

[2] Im Original: „The capacity of the human mind to believe is inexhaustible.”