Über Helden

Zum Helden wird nur, wer etwas riskiert, das ihm kostbar ist. Man muss damit rechnen, schwer verletzt oder getötet zu werden. Man muss in Kauf nehmen, aufgrund seiner Äußerungen oder Taten verunglimpft, gehasst oder gar verfolgt zu werden; und man muss darauf vorbereitet sein, Familie und Freunde zu verlieren oder zurückzulassen. Das alles trifft natürlich auch auf Verbrecher oder Hasardeure zu. Und so muss stets hinzugedacht werden, dass der Held seine Sache zum Wohle des Gemeinwesens oder anderer Einzelpersonen unternimmt und nur sekundär eigene Interessen verfolgt. Trotzdem ist der Grad schmal. Jene Polizisten, Soldaten und Spezialkräfte, die ihr Leben aufs Spiel setzen, damit wir in Sicherheit leben können, gelten uns meist zu Recht als Helden. Auch der Whistleblower Edward Snowden wird mehrheitlich als Held gesehen. Doch aus Sicht eines CIA-Agenten, der durch seine Enthüllungen möglicherweise in Gefahr gebracht wurde, ist er ein Abtrünniger, der die eigenen Reihen kompromittiert.

Manche Akteure erhalten ihren Heldenstatus erst Jahre nach ihrem Tod. Claus Schenk von Stauffenberg war zunächst einmal ein Attentäter und Hochverräter. Erst im Rückblick wurde sein Handeln im Rahmen der Operation Walküre von der Mehrheit der Deutschen als Heldentat gewürdigt.

Ob es in unserer Gesellschaft auch ungerühmte Helden gibt? Und ich spreche jetzt nicht von den Helden des Alltags (freiwillige Helfer, Ehrenamtliche etc.), von denen es zum Glück viele gibt, sondern von Personen, die im Gefängnis sitzen oder die von großen Teilen der Bevölkerung verachtet werden. Es wäre jedenfalls vermessen zu sagen, dass dieser Gedanke beiseitegeschoben werden kann. Was heute umstritten oder verboten ist, gilt in Zukunft vielleicht zu Recht als Maßgabe. Es gibt zahlreiche Beispiele der jüngeren Geschichte, die das illustrieren. Ein besonders bezeichnendes Schicksal ist das von Ignaz Semmelweis: Er entdeckte Mitte des 19. Jahrhunderts, dass der Grund für das Kindbettfieber in verunreinigten medizinischen Geräten wie Skalpellen liegt. Er wurde ausgelacht, bekämpft, landete in der Psychiatrie und starb dort offiziell an einer Blutvergiftung (der Exhumierungbericht deutet eher auf Gewalteinwirkung hin). Der Fall Semmelweis verdeutlicht, dass auch in der Wissenschaft Personen je nach Zeitgeist völlig unterschiedlich wahrgenommen werden können. Was damals als Wahnsinn galt, ist heute anerkannte Lehrmeinung.

Neben der Zeit bestimmt natürlich vor allem die Perspektive das Urteil. So gilt Salman Rushdie den einen als Held freier Meinungsäußerung, den anderen als blasphemischer Provokateur. Richard Dawkins erscheint je nach Blickwinkel mal als visionärer Vordenker, mal als destruktiver Vulgärmaterialist; und Julian Assange wird entweder als Staatsfeind oder als Wegbereiter freier Information gesehen.

Und wie steht es um den folgenden Fall? – Kann ein Genforscher, der Experimente an lebenden Primaten durchführt, um neue Krebstherapien zu entwickeln, jemals ein Held sein? – Hier deutet sich die Frage nach dem Verhältnis von Zweck und Mitteln an, die in diesem Beitrag allerdings unbeantwortet bleiben muss.

Abschließen möchte ich mit einer Bestimmung ex negativo:
Wer nur das sagt, was Common Sense ist[1], wer sich nicht traut, eigene Thesen auch gegen Widerstände zu artikulieren, oder wer vor den Konsequenzen eigener Überzeugungen zurückschreckt, der operiert im Modus des Mitsprechens und wird kein Held – weder in der Gegenwart noch in der Rückschau.
Widerstand aus bloßen Provokationsgelüsten heraus ist freilich auch nicht heldenhaft.

Zum Helden wird nur, wer zum Wohle anderer hohe Risiken eingeht – und dies auch nur dann, wenn sich die Tat oder These, sei es unmittelbar oder rückblickend, als Bonum erweist. Denn man sollte nicht vergessen: Auch gut gemeinte Taten, können böse Folgen haben.


[1] Man betrachte z. B. das Phänomen des Virtue Signalling.

Lob des Determinismus

Vorbemerkung: Diesen Aufsatz habe ich 2007 verfasst (im Rahmen meines Frankfurter Philosophiekreises). Die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit würde ich heute anders bewerten. Gleichwohl halte ich den Text weiterhin für lesenswert.

Dieser Kurzaufsatz versucht natürlich keine Antwort auf die Frage zu geben, ob sich unsere Welt gänzlich deterministisch verhält oder nicht. Das wäre eine Frage, die sich allein mit allumfassender Kenntnis der naturgesetzlichen Struktur des Universums klären ließe. Die Beantwortung dieser Frage fiele also (wenn überhaupt) in den Kompetenzbereich der Physik. Der Philosoph jedoch kann seine Zeit nutzen, indem er sich Gedanken darüber macht, was es bedeuten würde, in einer deterministischen Welt zu existieren. Ich werde hier nicht bloß behaupten, dass der Determinismus ein konsistentes Erklärungsmodell darstellt – das wäre zu wenig. Vielmehr möchte ich zeigen, warum der Determinismus auch aus philosophischen Gründen Vorteile gegenüber indeterministischen Konzepten bietet. Keineswegs werde ich eine Position beziehen, die im kompatibilistischen Sinne versucht, Willensfreiheit und Determinismus miteinander zu versöhnen. Ich persönlich glaube, dass der menschliche Geist nicht losgelöst von der materiellen Welt existieren kann. Das impliziert nicht, dass der Mensch willenlos ist. Nein, bewusstes Wollen ist unbestreitbar vorhanden; es ist jedoch, so mein Verständnis, über unvorstellbar komplexe Kausalketten ins Universum eingebettet.

Deterministisches Chaos, Berechenbarkeit und
quantenmechanischer Zufall

In einem absolut deterministischen Universum kann es keinen Platz für Zufälle geben. Der Physiker, der seine Aufgabe darin sieht, die Wahrheit des Determinismus zu beweisen, müsste also zeigen, dass diejenigen Phänomene, die ein Ergebnis echten Zufalls zu sein scheinen, auf Pseudozufall beruhen. Albert Einstein ist das nicht gelungen, obwohl er zeitlebens daran gearbeitet hat. Sein berühmter Satz „Gott würfelt nicht“ blieb gleichwohl ein Vermächtnis für viele nachfolgende Physiker, die eine indeterministische Deutung der Quantenphysik genauso wenig hinnehmen wollten.

Auf der Makroebene scheinen alle Systeme naturgesetzlich determiniert zu sein. Das gilt auch für Systeme, die in der Physik als chaotisch bezeichnet werden. Ein chaotisches System gilt aufgrund seiner Komplexität als unberechenbar. Diese Unberechenbarkeit beruht allerdings nicht auf einer prinzipiellen epistemischen Schranke, sondern auf einem Mangel an Information. Auch ein chaotisches System folgt einer deterministischen Dynamik und ein allwissendes Wesen könnte das Verhalten des Systems prinzipiell vorhersagen.

Die letzte Bastion echten Zufalls bildet allein die Quantenphysik, deren Entwicklung bereits im frühen zwanzigsten Jahrhundert mit Arbeiten von Planck und Einstein begann und die von Bohr, Heisenberg u. a. weiterentwickelt wurde – dann allerdings unter indeterministischen Prämissen (siehe Kopenhagener Deutung). Von Beginn an stellten sich die Forscher natürlich die Frage, ob die scheinbar zufälligen Phänomenen auf der Quantenebene (z. B. beim Doppelspaltversuch) nicht doch determiniert sein könnten. Die Existenz von sogenannten nichtlokalen verborgenen Variablen lässt sich jedenfalls bis heute nicht ausschließen und es gibt eine ganze Reihe von Interpretationen der Quantenphysik, die auf dieser Möglichkeit fußen.

Aber selbst wenn es auf der Quantenebene tatsächlich echte Zufallsprozesse geben sollte, so änderte das nichts an der Determiniertheit des Menschen. Denn Quanteneffekte machen sich nach heutigem Erkenntnisstand auf höheren Ebenen nicht wesentlich bemerkbar (siehe Dekohärenz). Das heißt, die Physik des meso- und makroskopischen Bereichs – und damit auch die des menschlichen Gehirns – ist vermutlich eine deterministische.

Indeterminismus ist eine Scheinlösung

Jetzt kommt ein weiteres Aber – und dieses ist entscheidend: Selbst wenn sich quantenphysikalische Zufallseffekte auf höhere Ebenen der Hirnstruktur auswirken sollten, die Physik menschlicher Kognition also nicht vollständig deterministisch wäre, so änderte das nichts an der Determiniertheit des menschlichen Willens. Es wäre allerdings eine weniger wünschenswerte Determiniertheit, denn der Wille würde teilweise von unkontrollierten Zufallsprozessen abhängen. Innerhalb des quantenmechanischen Systems Mensch herrschte zwar ein gewisser Freiheitsgrad, aber der Wille selbst wäre in Gefahr. Treffend formuliert hat dies Mitdiskutant Carsten Glöckner:

„Ein freier Wille ist nicht dein Wille.“

Zudem hat eine indeterministische Welt den Nachteil, dass sie unhintergehbare Erkenntnisgrenzen enthält. In einer solchen Welt wäre es unmöglich herauszufinden, warum sich ein System exakt so verhalten hat, wie es sich verhalten hat. Dinge wie Gehirne wären nichts anderes als komplexe Würfel, von denen man nicht genau wissen kann, wie sie fallen.

Die Struktur hinter den Dingen möglichst genau zu beschreiben und zu verstehen, ist das Ziel jedes seriösen Forschers. Zwar trägt der Philosoph nicht unmittelbar zur Aufdeckung dieser Strukturen bei, aber er sollte doch zumindest das Interesse an dieser Form der Erkenntniserweiterung teilen. Für den forschenden Menschen muss die beste aller möglichen Welten folglich eine deterministische sein, denn nur in einer solchen kann das Rekonstruktionsprinzip vollständig gelten, nur in einer solchen kann durch sukzessives Aufdecken ihrer Strukturen ein höheres Prinzip in seiner Gänze erkannt werden. Kurzum: Wenn restloses Erklären die kausale Bestimmtheit jedes Ereignisses voraussetzt, dann ist ein Universum, das sich selbst betrachten und bis ins Kleinste verstehen will, notwendigerweise deterministisch.

Die Irrationalitätstheorie der Willensfreiheit

Von einem Physiker in unserer Runde wurde die Fähigkeit, irrationale Handlungen zu vollziehen, als Indiz für die menschliche Willensfreiheit herangezogen. Aus bewusster Perspektive scheint es, als könne der Mensch durch Willensanstrengung tatsächlich irrationale Entscheidungen herbeiführen. Betrachtet man die molekulare Ebene, entscheidet der Mensch aber gemäß seinen Hirnzuständen. Auf dieser Ebene wird Rationalität am besten in Bezug auf eine spezifische Zweckerfüllung verstanden. Ein Hirnzustand ist also dann rational, wenn er zweckerfüllend ist. Wenn man sich nun bewusst zu einer irrationalen Tat entschließen möchte, bedeutet das auf unterer Ebene, dass die Zweckerfüllung gerade darin besteht, den Prozess anzuwerfen, der die irrationale Handlung initiiert. Denn natürlich kann ich mich dazu entscheiden, komische Dinge zu sagen oder Fratzen zu ziehen. Das ist nicht im entferntesten ein Beweis dafür, dass der Wille nicht determiniert ist.

Aber angenommen der Quantenzufall könnte tatsächlich die Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten herbeiführen, und eine der zwei Möglichkeiten wäre tatsächlich irrationaler in Bezug auf eine Zweckerfüllung, dann wäre die hier vorgestellte Form der Willensfreiheit erfüllt. Doch ist das eine Vorstellung die positiv besetzt werden kann? Willensfreiheit bestünde dann darin, dass durch Zufallsprozesse irrationale Handlungen nicht ausgeschlossen sind. Ist das eine befriedigende Antwort?

Wenn man annimmt, dass ein zweckerfüllender Zustand darin bestehen könnte, dass die Person auf bewusster Ebene zu der Einstellung kommt, einen anderen Menschen töten zu müssen, der irrationale Zustand diesen Zwang jedoch abwenden könnte, hätte die Theorie dann an Attraktivität gewonnen?

Ich denke nicht, denn auch der umgekehrte Fall wäre möglich. Man könnte zwischen dem Impuls zu töten und dessen Ablehnung schweben – und entscheiden müsste der Zufall. Diese Theorie erscheint mir als eine äußerst unbefriedigende Theorie der Willensfreiheit, denn gemäß dieser werden ultimative Handlungen zum Würfelspiel.

Die akausale Theorie der Willensfreiheit

Denker, die die Kopenhagener Deutung (KD) schätzen, würden an dieser Stelle vielleicht einschreiten und argumentieren, die obige Theorie wäre dann vollkommen, wenn man zusätzlich annähme, dass der Zustand, bei dem der Geist zwischen rationaler und irrationaler Entscheidung schwebt (siehe Superposition), durch den „freien Willen“ des Menschen in die gewünschte Richtung gelenkt werden kann. (Man könnte diesen Prozess in Anlehnung an die KD als vom Willen gesteuerte Zustandsreduktion bezeichnen.) Freilich wäre der Wille dann eine Instanz, die immateriell realisiert ist und von nichts außer sich selbst abhängt, d. h. akausal ist. Der Wille wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein unbewegter Beweger. Dass dieser Theorie nicht mit wissenschaftlichen Mitteln beizukommen ist, liegt auf der Hand. Mehr noch: Es ist eine Theorie, die alles erklären will, aber nichts beweist, die weitere Fragen aufwirft und gegen das Prinzip ontologischer Sparsamkeit verstößt. Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass sie wahr ist. Für den Philosophen, dem die menschliche Würde besonders am Herzen liegt, wäre eine Welt, in der es im Kopf akausal zugeht, vermutlich die beste aller erdenklichen. Allerdings würde sich eine solche Welt nicht mit dem Konzept eines allmächtigen Gottes vertragen. Aber diese Vorstellung gilt ja vordergründig ohnehin als naiv.

Für welche Theorie votieren Sie nun, werter Leser?

Meine These: Das Universum kennt Ihre Entscheidung bereits. Beweisen kann das freilich niemand. Aber auch das weiß das Universum.

Akif Pirinçci im Wortlaut

Akif Pirinçcis Tiraden sind indiskutabel. Trotzdem muss man ihn schon richtig zitieren. Sein KZ-Satz bezog sich nicht auf ‪‎Flüchtlinge‬, sondern auf ‎“Asylkritiker“‬, zu denen er ‎Pegida‬ und natürlich sich selbst zählt. Hier daher nochmal das vollständige Zitat: „Offenkundig scheint man bei der Macht, die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben, dass man ihm (dem „Asylkritiker“) schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert. Es gäbe natürlich andere Alternativen, aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“ Hintergrund für diesen Satz war ein Bürgerforum in Kassel-Lohfelden, bei dem Dr. Walter Lübcke, Regierungspräsident des Regierungsbezirks Kassel, Zwischenrufer, die ihren Unmut gegen die Einrichtung eines Flüchtlingslagers zum Ausdruck brachten, u.a. mit den Worten abkanzelte: „Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen“. Mehr dazu hier. (Edit: wurde offline gestellt, ist aber dank archive.org noch abrufbar.)
Es ist also eindeutig erkennbar, dass Pirinçci den KZ-Satz nicht auf Flüchtlinge bezogen artikulierte. Trotzdem wurde in nahezu allen wichtigen Medien die umgekehrte Deutung des Satzes vermittelt. Diese unangemesse Berichterstattung ist nur Wasser auf die Mühlen von Pegida und Hetzern wie ‪‎Pirinçci‬, denn letztendlich fundamentiert es deren Bild von der sogenannten System- und Lügenpresse. Pirinçci hat nun gegen zahlreiche Medienhäuser Klage eingereicht. Er wird Recht bekommen und am Ende müssen diese Unterlassungserklärungen und Widerrufe abgeben. Teilweise ist dies schon geschehen. Ich appelliere daher an alle seriösen Medienleute, recherchiert anständig, zitiert korrekt und lasst euch nicht von einzelnen Wörten verführen. Ja, er hat das böse KZ-Wort gesagt, aber eben nicht in dem Sinn, wie anschließend drüber berichtet wurde.
Einen ausführlichen Artikel von Stefan Niggemeier zu diesem Thema finden Sie auf FAZ.net.

The documentary „Swastika“ [1974] by Philippe Mora / die Dokumentation „Swastika“

Article in English [in deutsch siehe unten]
 
That’s the starkest documentary about the Third Reich, I have seen so far. At the age of 19 Franco-Australian film student Philippe Mora made the archive discovery of his life. With the help of a historian he found the Obersalzberg film roles that Eva Braun once stored in her bedroom at the Berghof and that were later seized by US military personnel.
Mora mixed these private recordings with Nazi propaganda material and created a documentary. Only in the second part of the movie he used footage from „the other side“. The movie misses any comment. Mora let the pictures speak for themselves. The documentary caused a scandal back then and was first shown in German cinemas 37 years later. The contrast between cosy mountain idyll, martial parades and evil propaganda is hard to overcome. The film conveys a sense of how powerful and thrilling the atmosphere was at that time. The Overture to Wagner’s Tannhäuser combined with pictures of a country on the move, politics as religion, the Olympic Games, the eerily beautiful Riefenstahl scenes, Adolf and Eva at the Berghof playing cheerfully with  dogs, next to hate speech, first acts of violence against Jews and military armament. We all know what came and had to come. The German population did not know every detail, or did not want to know. Repression as a survival strategy. „Better go with the flow“ was the motto. Go with a movement unseen in history. Even in the faraway US there were tens of thousands who got infected by the Hitler mania. [This is also shown in the documentary.]
And then the second part of the movie. The great destruction. A crescendo of violence. Bombs, flashes of light, dead bodies, total war; sicker and more intense as any Hollywood production can ever be. Then camera flights over a completely devastated country, images from the concentration camps. So terrible that you don’t want to look at them.
Time for the end credits? No. The movie ends with a scene at the Berghof in which Hitler is hosting a few guests. Coffee and cake is served. I repeat. Coffee and cake. I can hardly imagine a more bitter contrast.
I recommend this movie to anyone who is not only interested in theories about mass psychology and the phenomenon of „ideology as a substitute for religion“, but who wants to sense an undertone, a mood, an inkling of ​​what was going on back then. Yes, the first part of the film is dangerous. It depicts Hitler as a human being and shows a country that is completely inebriated. But if one really wants to understand the events of that time, one has to expose itself to this.
 
Der Artikel in deutsch

Das ist der krasseste Dokumentarfilm über das Dritte Reich, den ich bisher gesehen habe. Als 19-jähriger Filmstudent machte der Franco-Australier Philippe Mora die Archiventdeckung seines Lebens. Mit Hilfe eines Historikers spürte er die von amerikanischen Armeeangehörigen auf dem Obersalzberg beschlagnahmten Filmrollen auf, die Eva Braun in ihrem Schlafzimmer auf dem Berghof gelagert hatte. Diese privaten Aufnahmen kompilierte er zusammen mit Propaganda-Material der Nazis zu einem Dokumentarfilm. Erst im zweiten Teil wird auch filmisches Material „der anderen Seite“ verwendet. Der komplette Film kommt ohne jeglichen Kommentar aus. Die Bilder sprechen für sich. Der Film löste damals einen Skandal aus und wurde in Deutschland erst 37 Jahre nach Entstehung im Kino gezeigt. Die Kontraste zwischen heimeliger Bergidylle, martialischen Paraden und bitterböser Propaganda könnten größer nicht sein. Der Film vermittelt ein Gefühl davon, wie mitreißend die Stimmung damals war. Die Ouvertüre zum Tannhäuser, dazu ein Land im Aufbruch, Politik als Religion, die olympischen Spiele, die schaurig-schönen Riefenstahl-Bilder, Adolf und Eva auf dem Berghof, mit Hunden spielend, fröhlich und ausgelassen, daneben Hassparolen, erste Gewalttaten gegen Juden, militärische Aufrüstung. Wir alle wissen, was kam, ja kommen musste. Die Bevölkerung wusste damals vieles nicht, oder wollte es nicht wissen. Verdrängung als Überlebensstrategie. Lieber mitschwimmen im großen Strom einer Bewegung, wie sie die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Selbst im fernen Amerika gab es zehntausende, die sich von der Hitlermanie anstecken ließen. Auch davon werden Bilder gezeigt.
Und dann der zweite Teil des Films. Die große Zerstörung. Ein Crescendo der Gewalt. Bomben, Lichtblitze, Tote, der totale Krieg; krasser als es jeder Hollywoodfilm nachstellen kann. Dann Kameraflüge über ein komplett zerstörtes Land, Bilder aus den Konzentrationslagern. So schrecklich, dass man nicht hinschauen will. Kommt nun endlich der Abspann? Nein. Der Film endet mit einer Berghof-Szene, in der Hitler ein paar Gäste bei sich bewirtet. Es gibt Kaffee und Kuchen. Ich wiederhole. Kaffee und Kuchen. Bitterer kann kein Kontrast sein.
Ich empfehle diesen Film jedem, der sich nicht nur theoretisch mit Massenpsychologie und dem Phänomen „Ideologie als Religionsersatz“ befassen will, sondern der darüber hinaus ein Gefühl, ein Stimmungsbild, eine Ahnung von dem, was damals abging, einfangen möchte. Ja, der erste Teil des Films ist gefährlich. Er zeigt Hitler als Menschen und ein vollkommen berauschtes Land. Doch wer das Geschehene wirklich begreifen will, muss sich dem Teil schon aussetzen.
Zur weiterführenden Lektüre hier eine Filmkritik von Sonja M. Schultz.

Wer denken kann, der denke

Fragment eines Plädoyers für die Vernunft
2011 gemeinsam mit Fabian Butzbach verfasst.

Vorbemerkung

Die aufgeklärte westliche Wissenskultur ist ein hohes Gut. Insgesamt profitieren wir von den Erkenntnissen, die sie hervorgebracht hat, auch wenn stets eine missbräuchliche Nutzung von Wissen möglich ist. Das wissenschaftliche Ideal unter Schutz zu stellen, gehört zum Selbstverständnis unserer Zivilisation. Und doch deuten viele Phänomene unserer Zeit darauf hin, dass unsere Wissenskultur sukzessive unterwandert wird und einer Wiederbelebung bedarf. Wie könnte eine solche aussehen? Dieser Frage widmet sich der vorliegende Entwurf.

Um klar zu sehen, wird eine Bestandsaufnahme ohne Beschönigung notwendig sein. In gemeinsamer Anstrengung soll schließlich ein Gegenentwurf geschaffen werden zu Pseudowissenschaft, Esoterik, Populismus, Verschwörungstheorien, religiöser Engstirnigkeit sowie all jenen, die direkt oder indirekt, absichtlich oder aus Nachlässigkeit, wissend oder unwissend, ein Gefüge der Unvernunft mit aufbauen oder nichts dagegen unternehmen.

Der Fall der Steine

Denker aller Zeitalter liebten große Worte. Getrieben von der Vorstellung, dass der Mensch ein Vernunftwesen sei, frei in seinem Handeln und ausgestattet mit einer unsterblichen Seele, wurde er zur Krone der Schöpfung, ja zum höchsten Wesen überhaupt erklärt. Nur Gott als Weltenschaffer und oberster Richter war dem Menschengeschlecht übergeordnet.

In einem Jahrtausende währenden Prozess entfachte der menschliche Geist ein Licht, das die Beschaffenheit der eigenen Art bis zur feinsten Zellstruktur durchleuchten sollte: An die Stelle menschlicher Überhöhung trat im Zuge der Entzauberung der Welt durch die exakten Wissenschaften eine für das menschliche Selbstverständnis nur schwer hinnehmbare Erniedrigung. Der Mensch stammte seither nicht von Gott, sondern vom Affen ab; der Geist führte kein immaterielles Eigenleben mehr, sondern stand und fiel mit der Intaktheit des Gehirns. Und von der Liebe zwischen den Geschlechtern blieb nur ein arterhaltender, durch Neurotransmitter generierter Rauschzustand.

Zentrale Begriffe der Philosophie fielen wie Steine zu Boden: Wahrheit ist formal nicht mehr als der Wert einer propositionalen Funktion; Schönheit degradierte zum subjektivistischen Füllwort ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit; Chancengleichheit als Bedingung für Gerechtigkeit wurde in einer Welt, in der die Macht der Gene herrscht, zu einem unmöglichen Versprechen; der Glaube an einen allmächtigen und gleichzeitig gütigen Gott ist nicht erst seit den Gewaltexzessen zweier Weltkriege und dem Holocaust ein Unding, und die seit Urzeiten gepriesene menschliche Freiheit entpuppte sich im Lichte der Neurobiologie als Illusion – oder aber als Fluch, wenn sie doch existieren sollte; denn wer frei ist, ist verantwortlich für sein Tun. Aber – und das ist das Gute daran: All diese Verwerfungen althergebrachter Vorstellungen haben ihre Berechtigung, denn sie beugen einer „systematischen Selbsttäuschung“ vor (Trivers 2011). In der Vergangenheit mögen positive Illusionen und „Wahnsysteme“, wie Thomas Metzinger es zuspitzt, vielleicht einen Überlebensvorteil geboten haben. Aber für heutige und kommende Zeiten muss das Gebot ein anderes sein: Es gilt, angesichts der menschlichen Sterblichkeit, aufrichtig zu bleiben; es gilt, sich einzugestehen, dass die Vorstellung an ein paradiesisches Jenseits nicht haltbar ist. Glaube kann erst dort beginnen, wo Wissen aufhört; was im Umkehrschluss bedeutet, dass es unmöglich ist, an Dinge zu glauben, von denen man weiß, dass sie nicht sein können.[1] Es gilt sich schließlich einzugestehen, dass ein legitimer Raum für Glaubensinhalte nur dort sein kann, wo kein Wissen ist. Aber wovon man nichts weiß, kann man nicht sprechen, und wovon man nicht sprechen kann, darüber sollte man bekanntlich schweigen.[2]

Intellektuell redlich ist daher nur der, der bereit ist, seine Meinung zu revidieren, wenn empirische Befunde dies gebieten, intellektuell redlich ist nur der, der nicht aufhört zu fragen, wo gefragt werden kann, intellektuell redlich ist nur der, der die Grenzen des Denkens mitdenkt und dadurch dem Ausdruck der Gedanken eine Grenze setzt: Der intellektuell Redliche sagt, was er weiß, und schweigt darüber, was er glaubt.

Menschliche Vernunft

Eines der wichtigsten Konzepte für das menschliche Selbstverständnis ist das der Vernunft. Von nahezu allen großen Denkern des Abendlandes wurde die Vernunft als das höchste Gut des Menschen angesehen. Das Vermögen, vernünftig zu handeln, begründet den Unterschied zwischen Mensch und Tier. Wer vernünftig handelt, handelt im Einklang mit der menschlichen Natur.

Heute ist es freilich geboten, den althergebrachten Vernunftbegriff einer naturalistischen Revision zu unterwerfen. Denn was meint „vernünftig handeln“ eigentlich? Lässt sich zu diesem geistigen Vermögen eine reale neurophysiologische Basis finden? Existiert so etwas wie Vernunft im selben Sinne wie das Gehirn? Oder muss der Terminus ein philosophisches Abstraktum bleiben?

Blicken wir noch einmal zurück: In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ kommt Kant zu dem Schluss, dass Sätze gebildet werden können, die die Erkenntnis über die Welt erweitern, aber nicht auf Erfahrung basieren.[3] Zu diesen zählte Kant neben philosophischen und mathematischen Sätzen auch die der Physik, da er annahm, Raum, Zeit und Kausalität seien „reine Anschauungsformen“, die dem menschlichen Erkenntnissubjekt selbst entspringen. Spätestens die Entwicklung nicht-euklidischer Geometrien hat aber gezeigt, dass solche Sätze eine Mär sind. Es ist irrsinnig, von „der“ Mathematik zu sprechen. Vielmehr lassen sich verschiedene Mathematiken entwerfen, je nachdem welches axiomatische System gewählt wird.[4] Solche Systeme können sich in der Praxis unterschiedlich gut bewährt haben, aber tatsächlich enthalten sie kein genuines Wissen über die Beschaffenheit der Welt.[5] Hinzu kommt, dass der absolute Raum- und Zeitbegriff Newtons, auf den Kant zurückgreift, seit der empirischen Bestätigung der Einsteinschen Theorien ausgedient hat. Ähnlich verhält es sich mit dem klassischen Kausalitätsbegriff, dem mit der Planck-Zeit eine unüberwindbare Grenze auferlegt wurde.[6] Zudem könnte es auch oberhalb der Planck-Zeit indeterministisch zugehen (siehe Kopenhagener Deutung).

Stellt man nun die von Kant als unbeantwortbar zurückgewiesene Frage, wie die reinen Anschauungsformen entstanden sind, im Lichte heutiger Erkenntnisse ein weiteres Mal, so muss die Antwort lauten: aus der Evolution. Im Laufe des phylogenetischen Anpassungsprozesses an die Form des mesoskopischen Raumes[7] haben sich im menschlichen Gehirn fest verankerte Strukturen herausgebildet, die unsere kognitiven Fähigkeiten und unsere Wahrnehmung der Welt bestimmen.

Aus diesen Gründen dient in der Kognitionspsychologie schon seit geraumer Zeit der empirisch gehaltvollere Begriff der „adaptiven Verhaltenskontrolle“[8] als Ersatz für den Vernunftbegriff. Verortet ist das Vermögen zur adaptiven Verhaltenskontrolle vornehmlich im präfrontalen Kortex. Dieser Hirnregion verdankt der Mensch die Fähigkeit zu Impuls- und Triebunterdrückung, zu Belohnungs- und Bedürfnisaufschub, zu geplantem Handeln, Extrapolation, Antizipation und reflexivem Denken.[9] Als adaptiv wird dieses Vermögen bezeichnet, weil es die bestmögliche Anpassung des Menschen an seine naturräumliche, kulturelle und soziale Umgebung zum Ziel hat. Die aus diesem Vermögen resultierende besondere Flexibilität des Menschen ist in der Evolutionsgeschichte einzigartig: Kein Lebewesen kann so schnell auf sich verändernde Umweltbedingungen reagieren wie der Mensch.

In der Interaktion zwischen Gehirn und Umwelt findet sich der Ursprung allen gehaltvollen Wissens. Natürlich besitzen auch Tiere, insbesondere Primaten, erfahrungsbasiertes Wissen, das z. B. eingesetzt wird, um die Nahrungssuche zu optimieren. Aber nur beim Menschen kommt es zu einer ganzheitlichen Projektion aller wahrgenommenen Umweltsignale und einer gleichzeitigen Integration von Gedächtnisinhalten, emotionalen Bewertungen und allgemeinem Vorwissen. Zudem fungiert das menschliche Gehirn als „Beziehungsorgan“, das soziale Interaktionen vermittelt und gleichzeitig von diesen geprägt wird.[10]

Der menschliche präfrontale Kortex als die Hirnregion, die vorausschauendes Planen und vielschichtige Sozialbeziehungen ermöglicht, stellt sich somit als mächtiges Werkzeug im evolutionären Kampf ums Dasein dar. Zwar hat sich der Mensch durch seine Fähigkeit zu höherer Sprache und abstraktem Denken, das seinen höchsten Ausdruck in den Formalismen der Mathematik findet, in gewisser Weise vom Tierreich entkoppelt, aber selbstverständlich ist der Evolutionsprozess an diesem Punkt nicht stehen geblieben. Er ist durch den Einschub einer weiteren Ebene, nämlich der kulturellen, lediglich komplexer geworden.

Status quo

Weitsichtiges, planendes Handeln macht uns anpassungs- und damit überlebensfähig. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass ein Mangel an Vorausschau und Planung den Niedergang ganzer Zivilisationen herbeiführen kann. Wie viele Hochkulturen vor uns sind schon an sich selbst gescheitert? Wir können uns eine Abwertung der Wissenskultur, die über Jahrhunderte gewachsen ist und uns ein komfortables Leben führen lässt, nicht leisten. Gesellschaften, in denen eine breite Masse, aber auch viele Entscheidungsträger, das wissenschaftliche Ideal nicht teilen, werden früher oder später in Abhängigkeit derer geraten, die über Wissen verfügen, es pflegen und mehren. Wissen ist Macht. Und die Kluft zwischen Arm und Reich ist nicht zuletzt auf ein Wissens- und Innovationsgefälle zurückzuführen.

Wie steht es heute um unsere, die westliche Kultur? Leben wir noch in einem Zeitalter der Aufklärung oder gerät der Anspruch der Vordenker immer weiter in Verruf und Vergessenheit? Wie viel Unvernunft verträgt eine Gesellschaft?

Leider lassen viele Kulturphänomene und Irrlehren unserer Zeit darauf schließen, dass etwas faul ist in den einstigen Mutterländern der Aufklärung: Statt der modernen Medizin zu vertrauen, lassen sich viele Menschen von esoterischer Pseudowissenschaft verführen. Statt sich aktiv zu bilden, begeben sich viele Bürger lieber in die Obhut ihres Fernsehers. Statt das Wohl des Gemeinwesens im Blick zu haben, schauen Politiker nur zu gerne auf Umfragewerte. Sie agieren nicht weitsichtig, sondern opportunistisch. Statt sich auf Erfahrungsinhalte zu konzentrieren und diese logisch zu prüfen, entwerfen politisierte Sozial- und Kulturwissenschaftler immer weitere Theorien, die einer empirischen Grundlage entbehren.[11]

Einige Ursachen dieser Phänomene lassen sich leicht benennen: Menschen sind bequem und Nachdenken ist mühsam. Menschen sind oft selbstsüchtig und persönlicher Erfolg wird über Gemeininteressen gestellt. Viele Intellektuelle haben zwar viel gelesen, aber nicht verinnerlicht, dass Wissen nicht allein aus Büchern, sondern vielmehr aus der Synthese von genauer Beobachtung und logischer Strenge zu gewinnen ist. Zudem bedeutet ergebnisoffenes Forschen, dass man sich auch unbequemen Wahrheiten stellen muss. Gerade in der Intelligenzdebatte (Nature versus Nurture) stößt man auf sozialwissenschaftlicher Seite immer wieder auf Behauptungen, die mit den Ergebnissen empirischer Forschung nicht übereinstimmen. Man möchte die idealisierten Vorstellungen, die man von der Welt hat, schlichtweg nicht aufgeben. Aufklärung kann schmerzhaft sein, aber diesen Schmerz gilt es auszuhalten.

Die größte Herausforderung, der sich die Verfasser stellen müssen, liegt jedoch in ihrem Anliegen selbst begründet. Denn zahllosen Menschen fehlt der nötige Halt im Leben gerade als Folge der Aufklärung; hat sie ihnen doch zusehends Religion und Glaubensgewissheit genommen. Viele suchen ihr Heil seither in halbreligiösen Ersatzlehren wie z. B. der Anthroposophie, der Homöopathie oder der Astrologie. Verschwörungstheorien haben ebenfalls Hochkonjunktur.[12]

Wie kann Aufklärung also funktionieren, ohne dass jede Form von Spiritualität illegitim erscheint?

Sie kann es nur, indem sie irrationale Begründungen und ideo-logische Ansprüche scharf kritisiert und sich gleichzeitig zu persönlicher, nicht-dogmatischer Sinnsuche bekennt. Denn man darf nicht vergessen, dass der Mensch über das reine Erkenntnisvermögen hinaus immer auch ein deutendes Wesen ist und bleiben wird …

 

Quellen und weiterführende Literatur

Braus, Dieter: Einblicke ins Gehirn, Stuttgart 2010

Fuchs, Thomas: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption, Stuttgart 2008.

Jungclaussen, Hardwin: Neuronale Vernunft (Online-Publikation), 2003

Kripke, Saul: Naming and Necessity, Oxford 1980.

Metzinger, Thomas: Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit. Vortrag auf dem Kongress „Meditation und Wissenschaft“, Berlin 2010

Trivers, Robert: Deceit and Self-Deception, London 2011

Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt am Main 2003


[1] Leider fehlt den wenig Wissenden meist auch nötiges Metawissen.

[2] Kudos an Ludwig Wittgenstein.

[3] Kant bezeichnet diese als „synthetische Urteile apriori“.

[4] Die englische Sprache wird diesem Sachverhalt gerecht.

[5] Saul Kripke hat zudem gezeigt, dass Apriorität nicht unbedingt Notwendigkeit einschließen muss. Siehe Kripke: Naming and Necessity, 1980.

[6] Die Planck-Zeit beschreibt das kleinstmögliche Zeitintervall, für das die bekannten Gesetze der Physik gültig sind.

[7] Der mesoskopische Raum umfasst den mittleren Bereich, der zwischen Mikro- und Makrokosmus liegt.

[8] Engl. adaptive control of behavior.

[9] Die auf assoziativem Denken beruhende Kreativität und das Vermögen zur adaptiven Verhaltenskontrolle sind nicht miteinander korreliert, sie gehen jedoch im Idealfall ein Zusammenspiel ein.

[10] Weiterführend: Fuchs, Thomas: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan, 2008. (Basiert auf einem Forschungsprojekt der Univ. Heidelberg).

[11] Die Gender Studies sind hierfür ein Paradebeispiel, ebenso wie die postmoderne Kulturtheorie, die bereits von Alan Sokal als wissenschaftlich gehaltlos entlarvt wurde. Siehe Sokal-Affäre von 1996.

[12] Die Leugnung der Mondlandung und „Chemtrails“ scheinen aktuell besonders populär zu sein.

what this is all about

The Orcus of Oblivion

Libertine English / German blog about politics, science and computer stuff by Björn Buxbaum-Conradi aka sempervirentz

about bbc: born 1981 in Kassel, Germany. Studies of humanities in Trier and Frankfurt am Main. Master’s degree with a thesis on Robert Musil. Author of novellas and poems – and lately a novel.

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about ooo: in the ephemeral world we live in the ecstasizing details are vanishing into oblivion quicker than light. This blog wants to be more than just a collection of snapshots in time, a sublime ambition of course, but at least an ambition. So look forward to coming posts.

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Quo vadis, Europa?

Unser demokratischer Rechtsstaat und die soziale Marktwirtschaft sind große Errungenschaften. Sie üben weltweit eine enorme Anziehungskraft auf jene aus, die unter widrigen Umständen leben müssen. In ihren Heimatländern herrschen Krieg, Unterdrückung, Rechtlosigkeit oder einfach „nur“ Armut. Und so lassen sie ihre Heimat hinter sich, um ins gelobte Land zu ziehen; viele im naiven Glauben, dass sich dort alles schnell zum Guten wende. In diesem Wechselspiel aus Verzweiflung und Hoffnung klammern sie sich an jedes Versprechen – und liefern sich damit nicht selten der Willkür gierigster Schlepper aus: „Nur dieses eine Mal, dann hat man es ja geschafft.“

Doch wenn man dann tatsächlich bis nach Westeuropa gekommen ist, findet man sich zunächst in einer Turnhalle wieder – oder in einem Zelt, oder in einem alten Baumarkt. Nach einigen Wochen beginnen die Mühlen der Bürokratie zu mahlen. Jeder wird von sich natürlich behaupten, rechtmäßig Asyl zu beantragen. Im Laufe dieses Vorgangs werden bereits viele Träume zerstört, denn es dürfen nach Recht und Gesetz nur jene bleiben, die tatsächlich vertrieben wurden. Heimatvertriebene eben. Armut und Perspektivlosigkeit allein sind hingegen keine hinreichenden Voraussetzungen für ein Bleiberecht.

Nun ist es so, dass in den Ländern der Europäischen Union bereits mehr als eine halbe Milliarde Menschen leben, jeder sechste davon in Deutschland. Viele EU-Bürger waren einst selbst Flüchtlinge. Sie haben längst schmerzhaft erkennen müssen, dass auch unser System vor großen Herausforderungen steht und kein Paradies ohne Mühen ist. Der Zugang zu gut bezahlten Jobs setzt schließlich entsprechende Sprachkenntnisse und eine abgeschlossene Berufsausbildung voraus.

Faktisch bringen viele der erwachsenen Flüchtlinge aus Nahost und Nordafrika, von denen der größte Teil junge Männer sind, leider keine solide Ausbildung mit, zumindest keine, die den hiesigen Standards entspricht. Und neben der Sprachbarriere gibt es noch weltanschauliche Hindernisse, die man nicht einfach ausblenden kann. In Ländern ohne Trennung von Staat und Religion wird schließlich ein grundlegend anderes Weltbild vermittelt als in der säkularisierten Hemisphäre des Westens (die in bestimmten Bereichen natürlich auch moralisch fragwürdig ist). Kurzum: Man ist erst einmal fremd und gehört zu denen, die sich emporkämpfen müssen, wenn man mehr erreichen will als nur den Bezug von Hartz IV und Kindergeld. Und natürlich können auch illegale Einkommensquellen verführerisch sein.

Dass es Einheimische gibt, die den Strom der Flüchtlinge mit Argwohn betrachten, ja zum Teil auch mit Hass reagieren, ist kein deutsches oder europäisches Phänomen, sondern eines, das überall auf der Welt existiert. Xenophobie wird vermutlich erst dann vollständig ausgemerzt sein, wenn sich ein Zustand äußerster Homogenität gebildet hat. Ob ein solcher jemals erreicht werden kann, bleibt sehr fraglich. Denn in den meisten Fällen streben Migranten keine Assimilation an. Im Gegenteil. Man sucht die Nähe zu Menschen aus der Heimat, zu Menschen, die dieselbe Sprache sprechen und denselben Glauben haben, zu Menschen mit gleicher Kultur und oft auch ähnlichem Aussehen. Viele alteingesessene Deutsche tun das auch. Und man kann ihnen zumindest dafür keinen Vorwurf machen, denn dieses Verhalten ist zutiefst menschlich. Für den Zusammenhalt einer Gesellschaft trägt es allerdings nicht bei. Und so steht zu befürchten, dass sich in zukünftigen Dekaden Parallelgesellschaften stärker ausbilden, als es einem stabilen Gemeinwesen zuträglich sein kann.

Die drei wichtigsten Mittel, um dies zu verhindern, sind Sprache, Bildung und Teilhabe. Sie sind die unverzichtbaren Schlüssel zu persönlichem Erfolg und Voraussetzung dafür, ein vollwertiger Teil unserer pluralistischen Gesellschaft zu werden.

Natürlich ist nicht jeder junge Zuwanderer fürs Abitur oder die Hochschule geeignet. Ja, es wird immer Menschen geben, die „einfach gestrickt“ sind. Und die angestammte Bevölkerung ist hier selbstverständlich mit eingeschlossen. Gleichwohl muss es unser Bildungssystem schaffen, auch die Einfältigsten davon zu überzeugen, dass Gewalt und Hass keine Mittel sind, um eine Gesellschaft voranzubringen.

Der Begriff „Willkommenskultur“ ist momentan sehr präsent. Als Prozess des Aufeinanderzugehens verstanden, um Vorurteile abzubauen und erste Barrieren zu überwinden, ist dieses Konzept sicherlich hilfreich. Es darf aber nicht so weit gehen, dass Flüchtlinge in den öffentlich-rechtlichen Medien idealisiert dargestellt werden. Unter denen, die hierherkommen, sind natürlich auch Betrüger, Fanatiker und Mörder – sowie zweifellos auch Männer, die ihre Ehefrauen prügeln. Das ganze menschliche Spektrum eben.

Wir sollten bei der Bewertung der Lage sachlich bleiben und mit Augenmaß vorgehen. Weder Stereotypisierung noch Idealisierung bringen einen beim Brückenbauen weiter. Das bedeutet auch, dass Probleme offen angesprochen werden dürfen, ohne dass man gleich als „rechts“ abgestempelt wird. In einigen Herkunftsländern herrschen nun mal Sitten, Bräuche und Vorstellungen, die sich mit unserem Wertekanon nicht vertragen – wie etwa Vollverschleierung, Zwangsehen, archaische Ehrbegriffe sowie Feindseligkeiten gegenüber Homosexuellen und Juden.

Auf Dauer verträgt Deutschland schwerlich 800.000 Neuankömmlinge pro Jahr. Das ist selbst den Grünen klar. Und die Bundesregierung ist ja auch dabei, einige Maßnahmen auf den Weg zu bringen: einen Verteilungsschlüssel, der alle EU-Staaten gleichermaßen belastet, eine gemeinsame Liste „sicherer“ Herkunftsländer und ein härteres Vorgehen gegen Schleuser. Das sind allerdings alles Maßnahmen, die sich mit Symptomen befassen. Um den Ursachen effektiv entgegenzuwirken, muss die EU noch mehr Entwicklungshilfe in den Herkunftsländern selbst leisten (verstanden als Hilfe zur Selbsthilfe). Reißt der Flüchtlingsstrom auch in den kommenden Dekaden nicht ab, werden immer mehr Staaten dem Beispiel Ungarns folgen und Zäune errichten. Da dürfen wir uns nichts vormachen.

Momentan steht Deutschland wirtschaftlich gut da. Unsere Aufnahmekapazitäten sind bei weitem nicht erschöpft. Aber endlich sind sie trotzdem. Und es ist offenkundig, dass sich jeder Sozialstaat nur so lange offene Grenzen leisten kann, bis eine „Sättigung“ erreicht ist. Wird dieser Punkt überschritten, erhöht sich der Druck auf die Sozialsysteme so stark, dass nicht mehr jeder Bürger abgesichert werden kann. Politische Spannungen und Gewalt von Frustrierten, Radikalen und Fanatikern wären vermutlich an der Tagesordnung. In einem solchen Zustand stünde unser Land nicht mehr so hoch im Kurs bei Migrationswilligen. Ein negatives Equilibrium wäre eingetreten.

Dürfen nachkommende Generationen trotzdem auf ein positives Gleichgewicht hoffen? Angesichts einer rapide wachsenden Weltbevölkerung, schwindenden Ressourcen und einer gigantischen Ungleichverteilung stehen die Chancen vermutlich gering. Dennoch sollten wir nicht resignieren. Wenn wir nichts tun, haben wir schon verloren.

Faktoren für innergesellschaftlichen Zusammenhalt in einem globalisierten Deutschland

Es gibt eine ganze Reihe traditioneller Faktoren, die gesellschaftlichen Zusammenhalt ermöglichen. In einem globalisierten Deutschland greifen viele davon jedoch nicht mehr. Die Identifikation über Aussehen, Religion und das, was manche als „Leitkultur“ bezeichnen, hat ausgedient, zumindest wenn man die deutsche Bevölkerung als Ganzes betrachtet.

Welche Möglichkeiten bleiben unter diesen Vorzeichen? Wie kann den verschiedenen Kulturen in unserem Gemeinwesen zu einer gemeinsamen Identität verholfen werden?

Fangen wir ex negativo an: Wenn die Politik weitgehend untätig bleibt, bilden sich zwangsläufig Parallelgesellschaften aus. Gleich und Gleich gesellt sich gern – eine menschliche Konstante. Der Status quo deutet derzeit genau in diese Richtung.

Wenn mehr als nur Nebeneinanderherexistieren das Ziel sein soll, muss die Politik aktiv eingreifen. Der erste und wichtigste Punkt ist sicherlich das Beherrschen der deutschen Sprache. Das ist selbstverständlich. Und die Politik ist in diesem Punkt durchaus bemüht. Es muss aber noch mehr getan werden; auch von den Menschen, die in diesem Land leben wollen, selbst. Das betrifft insbesondere ältere Personenkreise, die der Schulpflicht längst entwachsen sind und dem unmittelbaren staatlichen Bildungsauftrag nicht mehr unterliegen.

Einschub: Das Betreuungsgeld wirkt bezogen auf diese Problematik kontraproduktiv. Wenn Kitas besucht werden, findet eine Vermischung eher statt. Auch hier kann mehr staatliches Eingreifen mithin sinnvoll sein.

Als zweiten Punkt möchte ich den gemeinsamen Glauben an eine größere Sache nennen. Jedwedes religiös bestimmte Ziel scheidet hier aus. Es muss etwas Säkulares sein. Etwas, das für Christen, Muslime und Atheisten gleichermaßen erstrebenswert ist. Die Fußball-Weltmeisterschaft ist momentan das Beste, was angeboten wird. Der gemeinsame Glaube an einen Wertekanon wäre hingegen das Idealziel. Angesichts des Zustroms aus Ländern, die noch stark archaisch, respektive patriarchalisch geprägt sind, wird das allerdings ein schweres Unterfangen. Dennoch: Ethische Bildung muss neben Spracherwerb oberste Priorität haben.

Ein dritter Faktor ist meiner Ansicht nach das gemeinsame Feiern von Festen und Bräuchen. Wir haben mit dem 3. Oktober zwar einen nationalen Gedenktag, aber dieser wird bislang kaum gefeiert, weder von der eingesessenen Bevölkerung noch von Menschen mit Migrationshintergrund. Hier besteht also erhebliches Entwicklungspotenzial. Perspektivisch ließe sich vielleicht ein christlicher Feiertag aufheben oder umwidmen, um einen integrativen Nationalfeiertag im Sommer zu schaffen.

Auch Stolz kann verbindend wirken, es heißt ja nicht grundlos „Nationalstolz“. Voraussetzung dafür ist, dass man einer sinnvollen Beschäftigung nachgeht und aktiv zum Wohl des Gemeinwesens beitragen kann. Das muss nicht notwendigerweise ein Brotberuf sein. Auch ehrenamtliches Engagement in Vereinen, Parteien oder Wohltätigkeitsorganisationen kann identitätsstiftend sein.

Ein letzter Faktor, der durch die Geschichte hindurch immer wieder für inneren Kit gesorgt hat, ist das Vorhandensein eines gemeinsamen Feindes. Am besten eignet sich natürlich ein Feind, der für alles Schlechte verantwortlich gemacht werden kann. Verpflichtet man sich zur Sachlichkeit – und das sollten staatliche Medien idealerweise – ist es aber nicht ohne weiteres möglich, ein derartiges Feindbild zu kreieren und aufrechtzuerhalten. Der Islamische Staat (ISIS) eignet sich bspw. gut als externes Feindbild, ist aber von Deutschland zu weit weg, als dass sein Vorhandensein uns insgesamt zusammenschweißen könnte. Und auch auf die Ankunft Außerirdischer sollten wir nicht setzen. Der Faktor Feind wird also vermutlich nicht so schnell zum Tragen kommen. Es sei denn, Putin lässt über Nacht einen NATO-Staat angreifen; jedoch gilt dieser Fall nach derzeitigem Ermessen als nahezu ausgeschlossen.

Fazit

In einem globalisierten Deutschland verbleiben nur wenige identitätsstiftende Faktoren. Daher müssen jene, die sich noch anbieten, umso intensiver genutzt werden. Andernfalls droht den größeren Städten Deutschlands eine Zersplitterung in geschlossene Milieus, in denen die Distanz zwischen Zugewanderten und Alteingesessenen unüberbrückbar wird. Dass dies früher oder später zu heftigen sozialen Spannungen führen wird, liegt auf der Hand.